„Wir sind wie eine große Familie“
Bürsten- und Pinselmacher haben im Erzgebirge Tradition. Aus einer Bürstenmacherfamilie stammte auch Otto Johannes Müller. Gerade aus dem Krieg heimgekehrt, gründete er 1945 das Unternehmen MÜHLE. Es ging bescheiden los, aber schon Ende der 1940er-Jahre wurden über zehn Mitarbeiter beschäftigt. Und auch nach Feierabend kümmerte sich der Chef um sie. Zeitzeugen erinnern sich.
Gottfried Voigt: „Meine Großeltern haben dafür gesorgt, dass ich 1948 bei MÜHLE anfangen konnte. Ich war nach dem Krieg Vollwaise, und sie haben sich bemüht, das Beste aus mir zu machen.“
Dietmar Fuchs: „Meine Mutter hat auch schon bei MÜHLE gearbeitet. Ich habe damals noch überlegt, Koch zu werden, aber als der Seniorchef mich auf der Straße angesprochen und gefragt hat, ob ich hier anfangen möchte, dachte ich: Mir kann eigentlich nichts Besseres passieren.“
Gottfried Voigt: „Der Chef hat mich nach der Arbeit oft im Auto mitgenommen, als er Erledigungen zu machen hatte. Nebenbei hat er mir Anstandsformen beigebracht. Respekt vor alten Leuten zum Beispiel. Ich habe alles angenommen.“



Dietmar Fuchs: „Das Besondere ist das soziale Umfeld, wir sind wie eine große Familie.“
Hans-Jürgen Müller: „Wenn Mitarbeiter und Außenstehende uns sagen, dass die Arbeitsatmosphäre bei MÜHLE besonders ist, ist dies das größte Kompliment, das man uns machen kann. Als Unternehmer trägt man Verantwortung, man muss einem Menschen das Gefühl geben, dass er wichtig ist, auch wenn er mal Fehler macht. Ich freue mich sehr, dass meine Söhne das Unternehmen in diesem Geist weiterführen.“
Ute Mädler: „Bei der Firma Müller war immer ein Zusammenhalt. Unter den Arbeitskollegen gab es keinen Neid.“

Trotz einiger Rückschläge wie dem Brand, der 1949 Firmengebäude, Ware und Material vernichtete, ging es stetig bergauf. MÜHLE spezialisierte sich auf Rasierpinsel und lieferte in den 1960er-Jahren in über 30 Länder in Europa und im Nahen Osten. Otto Johannes Müller erweist sich als begabter Unternehmer – eine Begabung, die im real existierenden Sozialismus nicht unbedingt geschätzt wurde.
Hans-Jürgen Müller: „Privatunternehmen haben in das ideologische Konzept der DDR nicht gepasst. Schon 1953 hat man daher bei uns die Schrauben sehr angezogen. Die Materialzuteilungen wurden eingeschränkt, mein Vater musste die Produktion zurückfahren und Mitarbeiter entlassen.“


Obwohl Hans-Jürgen sich dem Unternehmen verbunden fühlt, kann er nicht sicher sein, seinem Vater eines Tages nachzufolgen. Schon gar nicht ist er darauf vorbereitet, das bereits mit 23 tun zu müssen, als der Vater plötzlich stirbt und er selbst noch im Studium ist.
Gottfried Voigt: „Der Tod des Chefs war ein Schock für uns. Wir haben uns Sorgen gemacht, wie es weitergehen soll. Aber dann hat der Übergang gut funktioniert.“
Lange kann Hans-Jürgen Müller sich an seinem florierenden Unternehmen nicht freuen. Der Staat macht ernst: Im April 1972 wird MÜHLE enteignet. Erst nach der Wende bekommt die Familie ihr Unternehmen zurück.
Hans-Jürgen Müller: „Es war ein totaler Einschnitt. Dass an unserem Firmengebäude auf einmal VEB stand, war schlimm – Vaters Ehemaliger Betrieb haben wir gewitzelt, aber das war natürlich alles andere als lustig.“

Ute Mädler: „Nach der Verstaatlichung wurden wir zu immer größeren Einheiten zusammengelegt und sind schließlich in die VEB Erzgebirgische Pinselfabrik Schönheide und später, einige Angestellte und ich, in die Verwaltung der VEB Bürstenwerke gekommen.“
Dietmar Fuchs: „Zu dieser Zeit wurde die Mechanisierung sehr vorangetrieben, es kamen immer mehr Spezialmaschinen zum Einsatz. Die Inhaber sind immer mehr raus gedrängt worden.“
Andreas Müller: „Als mein Bruder Christian und ich Kinder waren, hat es sich nicht wie unser Unternehmen angefühlt. Wir wurden zwar zur Ferienarbeit eingeteilt und mein Vater hat uns ermahnt, dass wir da ordentlich Gas geben und schön grüßen sollten, aber eine große Verbindung haben wir nicht gespürt. Die ist erst nach der Wende gewachsen, nach der Reprivatisierung, als wir gesehen haben, wie viel Energie und Herzblut da geflossen sind.“
Hans-Jürgen Müller: „Ich war skeptisch. Mir war klar, dass der Start in die marktwirtschaftliche Ära nicht einfach wird, aber dass es so schlimm werden würde, hätte ich nicht gedacht. Wir haben drei Jahre lang ums Überleben gekämpft.“
Dietmar Fuchs: „Am Anfang waren wir gerade mal drei Mann.“
Gottfried Voigt: „Es gab keine Aufträge und kein Material.“
Hans-Jürgen Müller: „Das Schwierige war, dass wir unsere Hauptkunden in den sozialistischen Ländern gehabt hatten, vor allem in der Sowjetunion. Mit Einführung der D-Mark war das alles passé.“
Ute Mädler: „Eins muss ich sagen: Egal wie schwierig die Situation war – wir haben immer unseren Lohn bekommen.“
Hans-Jürgen Müller: „Es wurde langsam besser, als ich in den alten Bundesländern Kontakte geknüpft und eine Handelsvertretung gefunden habe und wir schließlich mit einem großen, ehemaligen Kunden wieder ins Geschäft gekommen sind.“



Seit der Jahrtausendwende wurde der Maschinenpark ständig ausgebaut, immer mehr Komponenten wurden im Haus gefertigt. Mit der Entwicklung von Rasierhobeln, Ständern, Reisebedarf und eigener Biokosmetik ist das Unternehmen inzwischen weltweit eine der ersten Adressen für alles, was mit Nassrasur zu tun hat. 2007 übergab Hans-Jürgen Müller die Leitung des Unternehmens an seine Söhne.
Hans-Jürgen Müller: „Der Übergang hat aus meiner Sicht problemlos geklappt. Die Söhne machen es sehr gut. Was uns wirklich vorangebracht hat, sind unsere Produktinnovationen, da haben sie sich sehr reingekniet.“
Benjamin Zimmermann: „Es ist ein Markenzeichen von uns, dass wir nichts von der Stange produzieren. An der Entwicklung von Produkten beteiligt zu sein, freut mich sehr. Ich weiß noch, wie ich mit Andreas an dem Entwurf für den Stylo-Rasierpinsel gearbeitet habe und auch an dem für den R89, den Rasierhobel mit geschlossenem Kamm. Wir sind zuerst zur Recherche ins Museum gegangen und haben uns historische Modelle ganz genau angeschaut.“
Auch als die Zeiten schwierig waren – gefeiert wurde bei MÜHLE immer. In diesem Jahr gibt es besonders viel Anlass dazu.
Gottfried Voigt: „Die Feiern, das war immer das Schönste! Die Weihnachtsfeiern und die Ausfahrten, das war wirklich toll!“
Ute Mädler: „Am Frauentag hat der Chef immer zu einem Ausflug oder einer Feier geladen.“
Gottfried Voigt: „Als ich nach längerer Zeit einmal wieder hier war, habe ich keine Worte gefunden dafür, wie sich das hier alles entwickelt hat. Die Produktion – alles maschinell! und so sauber und perfekt! Hut ab!“
Dieser Text ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Frühjahr 2020 erschienen.