Heute sind MÜHLE-Produkte in 54 Ländern weltweit erhältlich. Einer, der die Marke in den vergangenen Jahren stark geprägt hat, ist Daisuke Seeberger. Sein Blick auf Verpackung, Sortiment und Markenbildung hat das Unternehmen verändert – und verrät viel über die japanische Kultur. Ein Besuch in Tokio.

„Ästhetik ist eine Form des Respekts“

Kleine Brücken führen über Miniaturhügel und verschlungene Wege. Im Hintergrund recken sich die Glasfassaden moderner Hochhäuser in den Himmel. Ein Shinkansen zieht lautlos vorbei. Der Schnellzug mit der markanten Schnauze. Überhaupt ist es still hier im Shiba-Rikyū-Garten im Zentrum von Tokio. Kein Straßenlärm, keine Sirenen, keine lauten Stimmen. 1678, in der Edo-Zeit, wurde der Landschaftsgarten im zentral gelegenen Minato-Bezirk angelegt. Ein Ort, der zeigt, was typisch japanisch ist: Perfektion nicht als Spektakel, sondern als Gestaltung von Raum und Zeit. Alles wirkt beiläufig – doch nichts ist zufällig. Unsere Blicke folgen einem Gärtner, der sich tief über einen akkurat geschnittenen Azaleenbusch beugt. Blatt für Blatt, Blüte für Blüte sucht er nach Verwelktem. 

Daisuke Seeberger hat diesen Ort sorgfältig ausgewählt – so wie jede Station, die wir in den kommenden Stunden besuchen werden. Wir sind mit MÜHLE-Geschäftsführer Andreas Müller nach Tokio gereist, um den Mann zu treffen, von dem man im Unternehmen sagt: „Ohne Daisuke wären wir nicht, wer wir sind“. Wir wollen verstehen, wie der 47-Jährige die Marke verändert hat und was seinen Blick so unverkennbar japanisch macht. Dafür nimmt Daisuke uns mit an Orte, die in seinen Augen viel erzählen über das japanische Handwerk, die Kultur und dem Streben der Japaner nach Perfektion. 

Koi-Karpfen stehen für Glück und Kraft. Als „Adel der Fischzucht“ prägen sie die Teiche vieler Parks in Japan 
Prägt Mühle mit seinem ausgeprägten Markenverständnis seit 2010: Daisuke Seeberger ist der japanische Handelspartner des Unternehmens

Daisuke, auf mich wirkt dieser Busch makellos. Was macht der Mann da?

Bei uns dreht sich viel um die Hingabe zum Detail. Der erste Eindruck von Dingen zählt. Man erkennt das an der Präsentation von Speisen, der Gestaltung von Gärten – oder eben der Pflege eines Azaleenbuschs. Ästhetik ist eine Form des Respekts. Gutes, durchdachtes Design ist kein Selbstzweck, sondern Rücksichtnahme. Wir wollen die Dinge gut machen. Das kommt aus der buddhistischen Zen-Tradition, in der Achtsamkeit ein hoher Wert ist. Das Streben nach Perfektion ist im Grunde eine Achtsamkeitspraxis. 

Es war Anfang 2010, als Daisuke Seeberger seine Achtsamkeit auf die Marke MÜHLE richtete. Das hatte mit seinem Vater, Hans-Jörg Seeberger zu tun – einem Geschäftsmann mit deutschen Wurzeln. Während Daisukes Kindheit lebte die Familie einige Jahre in der Nähe von Darmstadt. „Zu kurz, um die Sprache zu erinnern“, sagt Daisuke fast entschuldigend, doch lang genug, um sich dem Land verbunden zu fühlen. 

Als sich Daisuke 2009 beruflich neu orientierte und auf der Suche nach geeigneten Produkten für sein frisch gegründetes Vertriebsunternehmen war, erinnerte er sich an die morgendliche Rasur seines Vaters – konzentriert vor dem Spiegel, ausgestattet mit Pinsel und Rasierhobel. Ein für den Sohn auch Jahrzehnte später noch vertrautes Ritual – aber kein typisch japanisches. Im Gegenteil. In einem Land, das der Teezeremonie oder dem Arrangieren von Bentō-Boxen großen Wert beimisst, spielt die Rasur eine erstaunlich geringfügige Rolle. Und das, obwohl ein glattrasiertes Gesicht vielerorts als Pflicht gilt. Als Daisuke begriff, dass es trotz des großen Bedarfs fast kein Angebot an Rasurprodukten im japanischen Luxussegment gibt, wusste er, dass er eine Nische entdeckt hatte.

Nicht nur Partner, seit 15 Jahren auch Freunde: Daisuke Seeberger und Andreas Müller teilen kulturelle Einblicke und Inspiration
Für Müller sind Gärten wie der Shiba-Rikyū in Tokio Sehnsuchtsorte: „Das Streben nach perfektionierter Natur ist für mich Champions League“
Der erste Eindruck von Dingen zählt: Dorade und Adlerfarn serviert im Restaurant Whaves in Kamakura

Bist du mit dem Anspruch angetreten, den Japanern die Rasur als genüssliches Ritual näherzubringen?  

In Japan geht es beim Rasieren einzig darum, die Stoppel loszuwerden. Viele wissen nicht einmal, was ein Rasierpinsel ist – sie denken, das sei ein Make-up-Tool. Ich sah die Chance, die Rasur zu etwas zu machen, das Menschen tun wollen – und nicht tun müssen.

Und wie schafft man das?

Die Japaner lieben gute Geschichten. Auf der Suche nach deutschen Marken, die Rasurprodukte anbieten und eine gute Geschichte haben, landeten wir sofort bei MÜHLE. Gut designte Produkte mit viel Tradition, handgefertigt in einem Familienunternehmen mit 80-jähriger Geschichte – so etwas finden die Menschen hier toll. Als ich im Sommer 2008 ins Erzgebirge reiste und mir die Produktion vor Ort ansah, die Leute kennenlernte, war ich begeistert.  

Und doch hast du erstmal einige Veränderungen losgetreten. 

Mir war klar: Um in Japan etwas Neues wie Pinsel und Hobel zu etablieren, könnte ein Einstieg über Gesichtspflege helfen. Ich fand, Pflegeprodukte würden gut zur Marke passen. Damit kann jeder etwas anfangen. Bei MÜHLE gab es kaum welche im Sortiment. Also schlug ich vor, das Segment auszubauen. 

Für MÜHLE war dieser Vorschlag die Inspiration zur Organic-Linie – heute wird das Unternehmen zunehmend als Marke für natürliche Kosmetik wahrgenommen. Was bist du noch angegangen? 

Die Verpackungen waren damals sehr zweckmäßig. Ich wusste, dass das für japanische Ansprüche nicht reichen würde. Das erklärte ich Andreas und Christian, die daraufhin neue Verpackungen entwickelten aus hochwertigem Papier, mit Prägungen und einheitlichen Designs. 

Tofu gilt in Japan als wahre Delikatesse: Hier weich wie Pudding, zubereitet in einer Sojamilch-Suppe
Zuhören und die anderen wertschätzen: die japanische Kommunikation ist eine der leisen Töne

Das war Ende der 2000er Jahre, mit Christian und Andreas Müller hatte gerade die dritte Generation die Führung des Familienunternehmens übernommen. Andreas Müller sagt, „damals waren wir uns über das Potential nicht ganz im Klaren – ich erinnere mich, wie Daisuke zu uns sagte, die Marke könne zünden und in Japan Wertschätzung genießen“. 

In den darauffolgenden Jahren reiste Andreas Müller regelmäßig zu Daisuke Seeberger nach Japan, um sich inspirieren zu lassen, aber auch, wie er sagt, „weil ich dort viel über die japanische Detailversessenheit lernen konnte“. Das hätte ihnen geholfen in der Markenbildung noch präziser zu werden. „Mir wurde klar: ein gutes Produkt kann nur an einem guten Ort entstehen.“ An einem Ort, an dem sich die Mitarbeitenden wohlfühlen, wo sie gerne hinkommen. Auch deshalb hat MÜHLE in den vergangenen Jahren bei Um- und Neubauten versucht, das Kanso-Prinzip von Klarheit und Aufgeräumtheit in der Architektur zu verwirklichen. Am Firmensitz im Erzgebirge begrüßt heute ein japanischer Großbonsai die Besucherinnen und Besucher.

Hideo Oka ist ‚traditional Urushi painting master‘ – ein Titel den man erst nach 35 Jahren Ausübung des Handwerks erhält
Die typischen Urushi-Farben sind rot und schwarz. Man kann dem Lack aber auch jede Menge andere Farbpigmente beimischen

Für uns geht es weiter, in den Süden von Tokio. In der kleinen Hafenstadt Kamakura treffen wir Hideo Oka, einen Urushi-Meister, der uns das jahrtausendealte, japanische Lackierhandwerk erklären soll, dessen in dunklem Rot und tiefem Schwarz schimmernde Oberflächen weltweit bekannt sind. In einem verwunschen gelegenen Haus arbeitet der Traditional Painting Master. Der Titel ist die höchste Auszeichnung, die man in dem Metier erhalten kann, und das erst nach unglaublichen 35 Jahren Ausübung. Perfektion zu erreichen, braucht eben Zeit. „Man muss es wirklich lieben, dieses Handwerk, sonst wird man verrückt“, sagt Hideo und lacht. 

Er erzählt uns von der komplizierten Verarbeitung des pflanzlichen Urushi-Lacks, der aus dem gleichnamigen Baum gewonnen wird. Von den mehr als 100 Arbeitsschritten, die nötig sind, bevor die Objekte monatelang trocknen und erst dann poliert werden dürfen. Dabei vermischt er mit ruhiger Hand die Farbpigmente mit dem klebrigen Urushi-Harz, bevor er ihn mit einem Pinsel auf zwei Schüsseln aufträgt.  

Perfektion in jedem Detail: Über 100 Arbeitsschritte stecken in einer Schale mit Urushi-Lack– ein Handwerk mit jahrtausendealter Tradition 
Daisuke Seeberger im Shiba-Rikyū-Garten im Zentrum von Tokio

Stundenlang könnten wir ihm zusehen – der Besuch seiner Werkstatt ist wie ein Eintauchen in eine andere Welt, fernab des Drucks der ständigen Selbstvermarktung. „Die Möglichkeiten, Handwerk wie dieses live zu sehen, werden weniger, dennoch spielt es in unserer Kultur eine große Rolle. Menschen wie Hideo Oka genießen hohes Ansehen“, sagt Daisuke.  

Wir fahren weiter. Zu den nächsten Experten. Das Ukai in Tokio-Shiba ist ein Fine-Dining-Restaurant, spezialisiert auf Tofu. In Europa gilt der auch als Bohnenquark bezeichnete Tofu noch immer als Fleischersatzprodukt, als eher fad und langweilig. In Japan ist Tofu eine Delikatesse. Das mag auch daran liegen, dass Tofu in Europa aus einer universellen Sojabohnensorte gewonnen wird, während es in Japan rund 300 Sorten gibt. Einige davon werden uns heute mal knusprig gebraten mit Miso serviert, mal weich wie Pudding in einer am Tisch zubereiteten Sojamilch-Suppe und mal gesüßt als Matcha Flan. Sieben Gänge später wissen wir: Alle Restaurants, die etwas auf sich halten, sind auf ein Gericht oder Nahrungsmittel spezialisiert – ob Soba-Nudeln, Sushi, Yakitori Spieße, oder eben Tofu. 

Während von der Nahrungsaufnahme bis zum Toilettenbesuch also jeder Bereich des japanischen Alltags bis ins letzte Detail perfektioniert ist, bleibt in der Badezimmerausstattung unseres Hotels noch ein kleiner Platz: In der großzügigen Auswahl schöner Papierschachteln stecken zahlreiche Pflegeprodukte, Haargummis, Nähset, Kosmetiktücher, Zahn- und Haarbürste. Nur eines fehlt: ein Rasier-Set.

Dieser Artikel ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Herbst 2025 erschienen.