Ein junger Vater, ein pieksender Bart und die Frage seines Sohnes: „Kannst du den Bart abmachen?“ Autor Matthias Sachau über Bartkultur und Vatergefühle und darüber, wie ein kleines „Wir backen“ vieles veränderte.

Die Bärte der Väter

Es wird viel diskutiert über die „neuen Väter“, die endlich entdecken, wie viel Freude Kinder machen. Die Elite setzt dabei voll auf Kontrast: Dunkle Bärte, dicke Muskeln und riesige Tattoos treffen auf zarte Haut, helle Stimmchen und Namen wie „Emmaline“. Ich verfügte nie über Muskeln oder Tattoos. Um trotzdem zum Club zu gehören, musste ich als junger Vater also alles über meinen starken Bartwuchs ausgleichen. 

Bis eines Tages das helle Stimmchen mitten in eine Kuschelorgie hinein fragte: „Kannst du den Bart abmachen?“ Meine Stoppel piekten und die Augen meines Sohns offenbarten, dass es auch Väter ohne Bart gibt. Was nun? Mit meiner damaligen Freundin, die den Bart trotz Borstigkeit gut fand, hatte ich eine Lösung gefunden: Um die Lippen herum eine Kusszone freihalten. Doch der Kleine war ein großer Freund von Wange-an-Wange. Er hatte sogar ein Wort dafür erfunden: „Wir backen.“ Ohne Bart an der Backe fühlte ich mich aber nackt. Ich stutzte ihn zunächst auf eine geringere Länge. Das jedoch verschärfte das Problem. Je kürzer das Barthaar, umso standhafter. 

So rang ich mich dazu durch, mein eingemottetes Rasierset wieder auszupacken. Für den Umgang mit Schaum und Klinge gilt dasselbe wie für Radfahren. Ich konnte es noch. Nach getaner Arbeit waren Wangen und Kinn glatt und weich. Als ich unser gut beheiztes Wohnzimmer betrat, spürte ich imaginären Polarwind, der den bloßgelegten Flächen hart zusetzte. Noch kälter aber die Reaktion des Kleinen. Er fremdelte. Gerade so traute er sich noch auf meinen Schoß. Als er sich Stunden später doch mit seinem Gesicht näherte, waren die Stoppel wieder leicht hervorgetreten. Doch nicht pieksig, eher wie feines Sandpapier. Er mochte es. Am Samstag darauf wiederholten wir das Experiment. Am übernächsten verständigten wir uns darauf, dass der Bart von nun an jedes Wochenende „in den Urlaub geht.“ Den Gedanken an Aufkleb-Tattoos zur Überbrückung verwarf ich schnell wieder.

Matthias Sachau ist Schriftsteller und lebt in Berlin. In seinem Roman „Alicia verschwindet“ geht es weniger um Bartsorgen als um einen Mann, der auf Selbstsuche ist.

Dieser Text ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Frühling 2018 erschienen.