Karl Heinz Bork ist einer der wenigen Parfumeure Deutschlands. Er kreierte Düfte für große Labels wie Joop, Boss und Paloma Picasso. Inzwischen im Ruhestand verwirklicht er nur noch Herzensprojekte – wie die Kreation des Duftes für die neue Bartpflegeserie von MÜHLE.

Das Handwerk des Riechens

Herr Bork, Parfumeur ist ein sehr ungewöhnlicher Beruf, wie sind Sie darauf gekommen?

Ende der 1960er-Jahre habe ich eine Lehre zum Drogisten gemacht, ein Beruf, den es heute, im Zeitalter der Drogerieketten, gar nicht mehr gibt. Mein Lehrer hat mich nach Holzminden geschickt. Als ich das Gebäude des Duftstoffunternehmes Haarmann und Reimer betrat, eine Art Chemielabor, in dem es ausgesprochen gut roch, habe ich innerhalb von Sekunden beschlossen: Das ist es! Ich will Parfumeur werden! Und zwar hier.

Von der Stadt Grasse in Südfrankreich haben die meisten schon gehört, von Holzminden eher nicht.

Dabei hat die Stadt eine große Duft-Tradition. In der Firma Haarmann und Reimer, die heute zur Symrise GmbH gehört, werden seit dem 19. Jahrhundert Riech- und Geschmacksstoffe hergestellt. Der Chemiker und Firmeninhaber Wilhelm Haarmann hat 1874 das Vanillin entwickelt, den ersten naturidentischen Riech- und Geschmacksstoff der Welt. 

Bei Symrise werden noch heute Grundstoffe für Parfums hergestellt?

Nicht nur die Grundstoffe. Eigentlich alle großen Parfums der Welt, auch die der großen mit Duft assoziierten Modehäuser wie Dior, Gucci oder Hermès werden in Unternehmen wie Haarmann und Reimer entwickelt. Einzige Ausnahme ist bis heute Chanel, die ihre eigenen Parfumeure haben. 

Kann sich auch im Rentenalter von seiner Passion nicht lösen: Richtig riechen.
Der Prozess der Duftkreation bedeutet Experimentieren. Essenzen werden extrahiert, vermischt und zur Weiterverarbeitung in Glasfläschchen gefüllt.

Sie sind also bei Haarmann und Reimer in die Lehre gegangen?

Ich war 33 Jahre bei dem Unternehmen. Die Ausbildung hat über vier Jahre gedauert und ich musste mich verpflichten, weitere drei Jahre zu bleiben. Schließlich kannte ich dann ja viele Geheimnisse.

Duftrezepturen?

Genau. Die Entwicklung von Düften ist sehr aufwändig und die Rezepturen können nicht patentiert werden. Deswegen ist man hier sehr vorsichtig. 

Wie genau lernt man das Handwerk des Parfumeurs?

Das wichtigste ist, die Technik des Riechens von Grund auf zu lernen.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, Gerüche erkennen zu lernen und für sich selbst eine Technik zu entwickeln, sie sich zu merken. Außerdem muss man Inhaltsstoffe und Eigenschaften der Duftstoffe lernen. 

Wie viele Gerüche muss man kennen?

Zwei- bis dreitausend.

Kaum vorstellbar, sich das zu merken!

Daher dauert die Ausbildung so lange. 

Was war das erste Parfum, das Sie entwickelt haben?

Das war ein Veilchenduft. Ich bin tagelang durch den Wald gerobbt, um an Veilchen zu schnuppern und um festzustellen, was ich noch alles rieche.

Gelegentlich betrachtet der Parfumeur das Bild von sich selbst mit Lilienstrauß – Karl-Heinz Bork erinnert sich gerne an seine Pariser Zeit.
Regelmäßig kreiert Karl-Heinz Bork
individuelle Düfte für private Kunden und
Freunde, die dann sorgfältig abgefüllt
und verpackt werden.

Ging der Duft in Serie?

Das nicht, aber es wurde immerhin eine Ausgabe des Göttinger Tageblatts damit besprüht …

Sie haben dann irgendwann Holzminden verlassen. War Ihnen die Stadt irgendwann nicht mehr genug?

Ich war ehrgeizig, ich kannte alle Grundstoffe, ich wollte mich mit großen Parfums beschäftigen. Für Haarmann und Reimer durfte ich ein Kreativstudio in Paris eröffnen. 

Im Epizentrum der Mode.

Zunächst waren wir in einer Vorstadt, aber dann sind wir in die Rue St. Honoré im 8. Arrondissement gezogen.

Feine Adresse!

Ja, wir waren direkt gegenüber von Hermès. Ich konnte Herrn Hermès durch Fenster sehen, wie er diverse Lederwaren geprüft hat. Und die konnten uns sehen, wie wir den ganzen Tag mit Duftstreifen gewedelt haben.

Haben Sie einen Duft für Hermès entwickelt?

Leider nicht. Man muss sich hochdienen.

Wie haben Sie das angestellt?

Ich habe erst einmal erfahrene Marketingleute angestellt, die Kontakte hatten. Schließlich durfte ich bei Dior für kleine Projekte vorsprechen.

Wie lief das ab?

Es gab eine Art Briefing, wir haben uns richtig ins Zeug gelegt und dann habe ich eine wichtige Lektion in Sachen Haute Parfumerie gelernt.

Nach Farben sortiert: Duft-Grundstoffe im Schachbrett-Stil.
Besonders stolz ist Karl-Heinz Bork auf
seine Duft-Kreation „Sylt“ – eine Hommage
an seine Lieblingsferiendestination.

Wie sah die aus?

Ich stand mit meinen Fläschchen vor einer Reihe Damen, die mir sehr höflich zu verstehen gegeben haben, was man in Deutschland wohl brüsk mit „Thema verfehlt“ abgetan hätte.

Was war schief gegangen?

Ich wollte unbedingt etwas ganz tolles Neues schaffen, doch ich war viel zu kreativ. Die großen Häuser wünschen keine großen Abweichungen, jedes Parfum muss einen Anker haben, den man wieder erkennt.

Das heißt, dass anders als in der Mode in Sachen Duft Menschen lieber auf Vertrautes zurückgreifen?

Ja. Denn der Geruchssinn hat das längste Gedächtnis, er wird schon im Mutterleib geprägt, was wir mögen, bleibt ein Leben lang eher gleich.

Schließlich haben Sie gelernt, wie es geht. 

Ja, ich habe mit meinem Team schließlich für viele namhafte Firmen gearbeitet, darunter L’Oréal, Paloma Picasso, Givenchy, Joop und Boss.    

Gibt es einen Duft, auf den Sie besonders stolz sind?

Ja, mein eigenes Parfum Sylt. 

Bei allen unterschiedlichen Vorlieben – gibt es Kriterien, die einen guten Duft ausmachen?

Es ist zunächst mal einfach so, dass billige Rohstoffe leider auch billig riechen. Es kommt also auf die Inhaltsstoffe an. Und auf die Ausgewogenheit der Komposition.

Wie sind Sie bei der Komposition des Duftes für die MÜHLE-Bartpflegeserie vorgegangen?

Zusammen mit Andreas Müller habe ich zunächst die Grundrichtung festgelegt, das, was ich „Duftfamilie“ nenne. Wir waren uns schnell einig, dass das die Familie „Fougère“ sein sollte. Der Duft basiert auf den herben Noten von Holz und Eichenmoos. Das wird allgemein als „männlich“ wahrgenommen. Darauf habe ich aufgebaut und schließlich den Duft
 „Savanne“ entwickelt mit einer blumigen Herznote, die im Kontrast zur warmen holzigen Basisnote steht. Die Kopfnote von Bergamotte und Lavendel gibt Frische und unterstreicht den kosmetischen Charakter. 

Haben Sie einen Lieblingsduft?

Ich liebe Eau Sauvage von Dior, ein ganz klassischer Duft, den ich seit vielen Jahren verwende. 

Dieses Interview ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Frühjahr 2021 erschienen.