Das Ritual der Rasur
Der römische Barbier und Content Creator Daniele Maullu über beruhigende Rasuren, indische Kopfmassagen und warum der Mühle R41 ihn auf jede Reise begleitet.
Als wir Daniele Maullu an einem Freitagabend erreichen, befindet sich der 31-Jährige in seiner „Mid-Beard-Phase“. Jeden Montag, wenn seine Barbershops Barberia Maullu und Barberia Tondere in Rom geschlossen sind, produziert er neue Videos für seine mehr als zwei Millionen Follower. Meistens bedeutet das: eine Woche Bartwuchs mit dem Rasiermesser abzunehmen und nur den makellosen, markanten Schnurrbart stehen zu lassen.
Elegant, entschleunigt und fast cineastisch, wirken Maullus Videos wie ein Gegenentwurf zur Hektik sozialer Medien. Das Licht ist präzise gesetzt, jede Bewegung bewusst, jedes Geräusch kristallklar eingefangen. Manche Zuschauer schalten ein, um mehr über die Kunst der traditionellen Nassrasur zu lernen, erzählt er. Andere wollen sich einfach nur entspannen.


Deine Videos wirken fast meditativ – etwas, das man in sozialen Medien nur selten findet. War das von Anfang an deine Absicht?
Nicht wirklich. So arbeiten wir einfach in unseren Barbershops. Wir glauben, dass eine Rasur niemals gehetzt sein sollte. Wenn sich jemand in unseren Stuhl setzt, möchten wir ihm einen Moment schenken, in dem er an nichts denken muss. Die ruhigen Bewegungen, die Liebe zum Detail und die sorgfältige Vorbereitung der Haut dienen alle demselben Ziel: Der Kunde soll entspannen. Genau dieses Gefühl möchte ich auch in meinen Videos vermitteln.
Viele Menschen entdecken die traditionelle Nassrasur durch deine Inhalte. Wie bist du selbst Barbier geworden?
Mein Vater ist Barbier, und gemeinsam haben wir vor sechzehn Jahren unseren ersten Laden eröffnet. Er hat mir die Grundlagen beigebracht. Danach habe ich mich durch Kurse, den Austausch mit anderen Barbieren und natürlich durch ständiges Üben weiterentwickelt. Heute haben wir zwei Barbershops in Rom.
In deinen Videos arbeitest du fast ausschließlich mit dem Rasiermesser. Womit rasierst du dich zuhause selbst?
Zu Hause, und vor allem auf Reisen, benutze ich einen Rasierhobel. Das ist einfach praktischer. Ein Rasiermesser kann man nicht überallhin mitnehmen, deshalb ist ein guter Rasierhobel der perfekte Begleiter.
Apropos Rasierhobel: Der Mühle R41 wird in diesem Jahr 15 und hat Kultstatus. Manche schwören drauf, andere haben Respekt vor seinem Ruf.
(lacht) Tatsächlich ist der R41 mein Lieblingsrasierhobel. Er begleitet mich auf jede Reise.
Was würdest du jemandem raten, der sich zum ersten Mal an eine R41 herantraut?
Zuerst ohne Klinge üben. Halte den Rasierer an dein Gesicht und finde heraus, in welchem Winkel er ganz natürlich aufliegt. Sobald man diesen Winkel verstanden hat, wird alles viel einfacher.
Er wird wegen seines offenen Kamms teilweise als besonders „aggressiv“ beschrieben. Würdest du das unterschreiben?
Nicht wirklich. Ich glaube, dass fast jeder sie benutzen kann. Entscheidend ist der Druck. Bei einem sehr kräftigen Bart darf man etwas mehr Druck ausüben, bei empfindlicher Haut oder weicherem Bart entsprechend weniger. Der Hobel reagiert auf deine Technik.


Hängt die Wahl des richtigen Rasierers immer vom Kunden ab?
Absolut. Das Erste, was ich mache, ist den Bart und die Haut des Kunden zu fühlen. Dadurch weiß ich sofort, welcher Rasierer am besten geeignet ist. Jedes Gesicht ist anders.
Du hast Barbershops auf der ganzen Welt besucht. Was macht eine italienische Rasur besonders?
In Italien – zumindest in meinem Laden – investieren wir viel Zeit in die Vorbereitung und in die kleinen Details. Es geht nicht nur darum, den Bart zu entfernen, sondern darum, ein entspannendes Erlebnis zu schaffen. In Indien dagegen ist die Rasur oft schneller und pragmatischer, aber die Barbiere sind unglaublich talentiert. Ihre Technik ist hervorragend, und zum Abschluss gibt es eine Kopf- und Nackenmassage.
Millionen Menschen verfolgen deine Videos. Hat Social Media deine Arbeit als Barbier verändert?
Sehr sogar. Früher hatten viele Kunden noch nie eine traditionelle Rasur oder ein Rasiermesser ausprobiert. Heute kommen sie in den Laden und sagen: „Ich habe deine Videos gesehen. Ich möchte genau das!“ Es reisen Menschen aus Kanada, den USA, Japan und vielen anderen Ländern an.
Der Klang spielt in deinen Videos eine große Rolle. Das ASMR-Erlebnis scheint fast
genauso wichtig zu sein wie die Rasur selbst.
Der Ton ist unglaublich wichtig. Angefangen haben wir mit einem kleinen Mikrofon, heute arbeiten wir mit professioneller Filmtechnik. Trotzdem möchte ich mich ständig verbessern. Mein Traum ist es, irgendwann eine Bild- und Tonqualität auf Netflix-Niveau zu erreichen.


Woher nimmst du deine Inspiration?
Ich liebe Filme und Dokumentationen. Wenn ich dort eine interessante Kameraperspektive oder Bildkomposition entdecke, notiere ich sie und bespreche sie mit meinem Videografen.
Nach Tausenden von Rasuren: Was fasziniert dich noch immer an diesem Ritual?
Das Ritual selbst. Es ist Zeit, die ich mir bewusst für mich nehme. Jeden Morgen stehe ich früh auf, mache Sport und wenn ich mich dann rasiere, bringt dieser Moment mich ins Gleichgewicht. Danach fühle ich mich ruhiger, fokussierter und bereit für den Tag. Für mich ist Rasieren nicht nur Körperpflege sondern Teil meines Wohlbefindens.
Erinnerst du dich noch an die erste Rasur eines Kunden?
Sehr gut sogar. Ich hatte schreckliche Angst. Meine Hände haben gezittert, weil ich befürchtete, den Kunden zu schneiden. Dieses Gefühl kennt jeder Barbier. Mit der Erfahrung verschwindet die Angst.