Warum Männlichkeit kein Muskelspiel sein sollte und was Rasur mit gesellschaftlicher Zuschreibung zu tun hat: Ein Gespräch mit dem Autor und Journalist Fabian Hart über Zartheit, Sichtbarkeit und das Ende der Pose.

„Der Glow ist stabil“

Lassen Sie uns über Schönheit sprechen: Wie schön finden Sie sich? 

Kommt auf den Tag an. Ich mag mich gern leiden, aber nicht jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue. Zu viel Selbstbegutachtung kann ja nur dazu führen, dass man sich unvorteilhaft findet. Inzwischen bin ich entspannt mit mir. Ich bin 42, heute kann ich gut ertragen, wenn ich morgens wieder wegen meiner Allergien geschwollene Augen habe. Ich fühle mich wohl mit mir. 

Ihr großes Thema als Journalist ist das Aufbrechen von Geschlechterrollen. Ihre Botschaft: Mit der Geschichte vom Mann als ewig starkem Geschlecht muss endlich Schluss sein. Bevor wir da tiefer einsteigen: Wann sind Männer für Sie schön? 

Wenn sie nicht ständig ihre Männlichkeit justieren müssen. 

Was heißt das? 

Wenn ich das Gefühl habe, da sitzt mir jemand gegenüber, der sich die ganze Zeit selbst wahrnimmt und eine Rolle spielt – wie ein Schauspieler, der seinen Text aufsagt und sich nach Regieanweisung männlich inszeniert. Die Beine breit aufgestellt, andere Männer nur mit „Bro“ anspricht, aggressives Schulterklopfen. Viele Männer achten akribisch darauf, bloß nicht zart zu sein, weil das sofort als feminin gedeutet wird. Die Idee des starken Geschlechts ist noch immer aktuell und Ausdruck eines patriarchalen Männerideals. Für mich ist das Gegenteil schön: Wenn Männer unverkrampft sind, natürlich, unerwartet, spontan. Wenn sie mit sich im Reinen sind. Das Goal sollte sein, alle Gefühle und sämtliche emotionalen Ausdrucksformen auch zu verkörpern. Nichts gegen Mut und Bizeps, aber Zurückhaltung, Feingefühl und Bedachtheit sind ebenso wichtig. 

Begriffe wie „Manosphere“ oder „Mens Rights Movement“ beschreiben die reaktionären Gegenbewegungen zu allem, wofür Sie sich seit Jahren einsetzen – einige Männer sehen sich in ihrer Männlichkeit zunehmend gefährdet und halten nun dagegen: Können Sie diesen Entwicklungen etwas abgewinnen? 

In den Diskussionen um das Thema Geschlechtergerechtigkeit oder Neue Männlichkeiten wird viel mit solchen Labels jongliert – von der reaktionären wie von der woken Seite, die dann oft von „Toxic Masculinity“ spricht. Ich bin kein Fan dieser Schlagworte, sondern  dafür, die Dinge konkret zu benennen – was ist warum gerade gut und was läuft schief. Alles, was ich sage, ist ja: Wir alle haben die Freiheit zu wählen, wie wir uns verhalten möchten, egal wie männlich und wie weiblich das scheinen mag. Männlichkeit gehört nicht den Männern und Feminität nicht den Frauen. 

Hat sich Ihre Form, Ihre Themen zu kommunizieren, verändert? 

Auf jeden Fall. Ich habe unter anderem deshalb auch mit meinem Podcast „Zart Bleiben“ trotz seines Erfolgs aufgehört. Darin sprach ich mit diversen Menschen über geschlechtsuntypische Karrieren und Lebenswege, etwa mit Herbert Grönemeyer oder Sibylle Berg. Doch ich wollte auf dem Thema keine Karriere aufbauen. Ich war plötzlich der Aktivist, das Testimonial für neue Männlichkeit. Ich dachte: Und dann verkaufe ich irgendwann ein Produkt auf dem „Neue Männlichkeit“ steht und das schmiert man sich dann ins Gesicht? Nee, da bin ich raus. 

Tun Sie ja eigentlich nicht, indem Sie das Thema in einem Podcast behandeln? 

Ich sah die Gefahr, meine Inhalte nur noch für meine eigene Bubble zu machen und das halte ich für gefährlich. Da entwickelt man eine verschobene Wahrnehmung der Realität. Deswegen arbeite ich jetzt auch wieder für unterschiedliche Redaktionen mit völlig verschiedenen Zielgruppen. Ich wollte auch nicht mehr ständig im Mittelpunkt meiner Storys stehen, es wurde zu selbstreferentiell, gerade auf Social Media.

Ihr Podcast war auch eine Aufforderung an alle Männer, sich zu erinnern, dass auch sie „Zartgeborene“ sind und sich von unrealistischen männlichen Idealen zu befreien. Was sind denn schöne realistische Ideale, die wir unseren Söhnen mitgeben können? 

Irgendwann verstehst du als Junge, dass es bestimmte Regeln gibt, die du einhalten musst, wie du zu sein hast und wodurch du aus der Reihe tanzt. Das beginnt nicht nur im Elternhaus, sondern im Kindergarten, später auf dem Schulhof, auf Social Media und online, in Filmen oder Serien. Ich finde, da sollten Eltern genau beobachten: Wer sind ihre Kids wirklich, welche Talente haben sie – und die fördern, statt ihnen bestimmte Normen aufzuzwingen. Im Gegenteil, eher zu sagen: Hey, du merkst vielleicht gerade, du bist in der Hinsicht ein bisschen anders als einige andere, du magst keinen Fußball oder keinen Wettbewerb, würdest gerne einen anderen Sport machen – das ist okay, mach das! 

Sie haben mal gesagt: „Der Kapitalismus verkauft uns Geschlechterrollen. Von Frauen wird erwartet, dass sie sich an ungefähr jeder Körperstelle rasieren. Aber das Thema Rasur ist gleichzeitig etwas Urmännliches.“ Was genau meinen Sie damit? 

Dass uns die Rasur als etwas Urmännliches verkauft wird, obwohl Frauen viel mehr zur Rasur angehalten werden als Männer, weil von ihnen erwartet wird, körperhaarlose Wesen zu sein. In der Werbung dürfen Frauen sich dann ihre sowieso schon glatt rasierten Beine nochmal rasieren, da darf bloß kein Haar zu sehen sein. Und Männer schlagen sich dann das Aftershave ins Gesicht oder halten sich am Kinn mit einem Blick, der suggeriert, gleich gehe ich zum Angriff über. 

Sie sieht man mal glatt rasiert, dann mit Bart. Wann darf was sein? 

Das hängt mit meiner Stimmung zusammen. Ich mag die Abwechslung. Auch da feiere ich meine heutige Freiheit – ich habe ja rote Haare, früher habe ich mich also immer rasiert und die Haare gefärbt, denn gay sein und dann noch wie Pumuckl aussehen mit so einem Barbarossa, das war natürlich furchtbar. Heute mag ich meine Ginger-Haare sehr. 

Wie sieht gute Pflege bei Ihnen aus? 

Durch Pflege kann ich mich mit mir selbst gut verbinden. Es ist durchaus emanzipatorisch als Mann zu lernen, mit sich selbst gut umzugehen und den Körper nicht nur als Maschine zu begreifen, die irgendwie läuft. Für meine Haut funktioniert ein Reinigungsöl am Abend gut, ich verwende eine Nacht- und Augenpflege. Morgens lasse ich meine Haut in Ruhe: eine Tagespflege und SPF reichen aus. Der Glow ist stabil.  

Dieses Interview ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Herbst 2025 erschienen.