Ein Barbershop ist mehr als ein Ort für einen Haarschnitt. Für Sunni Powell ist er Treffpunkt, Rückzugsort und Ausgangspunkt für Veränderung. Eine Reportage aus Englewood im Süden Chicagos über einen Barbier, der in seinem Viertel Veränderungen anstößt

Der Mann, der bleibt

Sunni Powell kehrte dorthin zurück, wo viele nur wegwollen: nach Englewood im Süden der US-Metropole Chicago. Als Barbier kümmert er sich nicht nur um seine Kunden, sondern auch um die Zukunft seiner Nachbarschaft

Die 63rd Straße im Süden Chicagos war einst das Rückgrat der South Side. Rund um die Kreuzung mit der Halsted Street entstand Ende des 19. Jahrhunderts eines der größten Einkaufsviertel der Stadt. Nur wenige Blocks westlich erinnert heute kaum noch etwas an diese Zeit. Seit den 1980er Jahren prägen Bilder von leerstehenden Häusern und Nachrichten von Schießereien die Wahrnehmung Englewoods. „Englewood hat einen schlechten Ruf“, sagt Sunni Powell. „Dabei leben hier einige der wunderbarsten und fürsorglichsten Menschen.“ Der 55-Jährige ist großgewachsen, trägt einen akkurat gestutzten Vollbart und ein schwarzes Hemd, auf dessen Brusttasche in roten Lettern „Powell’s“ gestickt ist – der Name seines Barbershops. An diesem Dienstagvormittag ist es ruhig. Nur Mercedes Lewis, die sich auf Afrohaarfrisuren spezialisiert hat, ist beschäftigt. Sorgfältig kämmt sie einem jungen Mann die Dreadlocks aus und dreht ihm frische Twists. „Barbier zu sein, ist ein Geschenk“, sagt Powell. Kaum ein anderer Beruf gebe einem die Möglichkeit, Menschen besser aussehen zu lassen und ihnen gleichzeitig ein gutes Gefühl zu geben.

Am Dienstagmorgen ist es noch ruhig. Zwei Mitarbeiter warten vor Powell’s Barbershop auf Kundschaft
Die alten Dreadlocks sind ausgekämmt, jetzt wird das Haar zu frischen Twists gedreht

Powell ist nicht der Typ Mensch, der stillsteht. Er nimmt uns mit auf eine kleine Tour durchs Viertel. Alle fünfzig Meter trifft er jemanden. Ein Schulterklopfen hier, ein fester Händedruck da. „Wie geht’s, mein Lieber?“ Er kennt die Ladenbesitzer, den alten Mechaniker, der im Hinterhof an einem Auto schraubt, die Teenager an der Straßenecke, und die ältere Frau, die an der Bushaltestelle wartet. Powells Großmutter kaufte 1953 ein Haus in Englewood und war damit eine der ersten schwarzen Bewohnerinnen. Parallel zur Straße spannt sich das für Chicago typische Gerippe der Hochbahntrasse wie eine Himmelsleiter. „Hier bin ich als Kind in die Green Line gestiegen, um zur Highschool zu fahren“, sagt der Barbier und zeigt nach oben. Seit 1994 hält am Racine-Stopp kein Zug mehr. Für die Bewohner fühlte es sich damals so an, als ob die Stadt ihnen die Ader abschnüren wollte. Powell und Nachbarschaftsverbände kämpfen dafür, dass sich das ändert. „Diese Haltestelle soll jedes Jahr wieder öffnen. Jedes Jahr reichen wir die Unterlagen ein, und jedes Jahr wird die Wiedereröffnung verschoben.“

Die Hochbahntrasse prägt das Straßenbild in Englewood. Seit 1994 hält am Racine-Stopp kein Zug mehr
Der Barbier Sunni Powell kämpft für die Zukunft seines Viertels – und für die Rückkehr der Green Line

Wer die Chance hat, das Viertel zu verlassen, nutzt sie. Powell hätte ebenfalls gehen können. Nach der Schule lebte er in Los Angeles und Atlanta, arbeitete als Produktionsassistent für Film- und Fernsehproduktionen. Doch vor sechzehn Jahren kehrte er zurück – nicht trotz Englewood, sondern wegen Englewood. Powell zeigt auf ein weitgehend leerstehendes Einkaufszentrum neben der Tankstelle. „Dort war mein erster Barbershop“, erzählt er. Und dann folgt eine Geschichte, die vor zehn Jahren durch die Medien ging. Wieder eine Schießerei in Englewood: Ein Mann stürmt einen Barbershop, zielt auf zwei Kunden, einer davon stirbt noch vor Ort. In Powell’s Barbershop. „Das hat alles verändert.“ Man merkt dem Barbier an, wie sehr ihn die Erfahrung auch heute noch mitnimmt. „Ein Barbershop ist ein geschützter Raum. Insbesondere in einer Community wie dieser hier ist es ein Ort, an dem man sich sicher und geborgen fühlen muss.“ Er schaut auf das leere Ladenlokal. „Diese Grenze wurde aufs Brutalste überschritten.“

Eine aufwändige Flechtfrisur dauert Stunden. Dann gibt es bei Mercedes Lewis Musik auf die Ohren
R.A.G.E. steht für Resident Association of Greater Englewood, eine Nachbarschaftsinitiative

Weder schließt Powell den Laden, noch verlässt er sein Viertel. Er legt noch einen drauf: „Ich besorgte 20 Zelte und Generatoren über meine Kontakte in der Filmbranche und bat die Friseurschulen der Stadt, mitzumachen.“ Fünf Jahre lang brachte die Open-Air-Veranstaltung Brotherhood of Barbers angehende Barbiere und die Barber Colleges der Stadt zusammen und bot kostenlose Haarschnitte an. Seit 2023 ist Powell’s Barbershop in einen Neubau auf der gegenüberliegenden Straßenseite der alten Mall gezogen. In dem Gebäude haben sich ein Architekturbüro, ein Coffeeshop und weitere von Schwarzen geführte Unternehmen angesiedelt. Genau das sei entscheidend, sagt Powell. Denn die neue Energie, die Englewood verändert, soll aus dem Viertel selbst kommen. Wie das aussehen kann, zeigt auch der Go Green Community Market. Er steht dort, wo die Green Line hoffentlich bald wieder halten wird. Während viele Geschäfte vor allem Fertigprodukte verkaufen, gibt es hier frische Lebensmittel und gesunde Mahlzeiten. „Warum sollte eine Großmutter drei Busse nehmen, nur um frische Weintrauben zu bekommen?“, sagt die Köchin, die frische Salate in die Kühltheke legt. Powell gehörte zu den Menschen, die das Projekt unterstützten und dafür warben, den Markt ausgerechnet hier zu eröffnen. Solche Initiativen, sagt er, seien entscheidend: Sie zeigten den Bewohnerinnen und Bewohnern, dass sich ihr Viertel verändert.

Backsteinfassaden im Süden Chicagos. In einem solchen Haus wuchs Powell auf und lebt dort noch heute.
Ordnung soll in die Langhaarfrisur. Wie wäre es mit Cornrows (eng an den Kopf geflochtene Zöpfe)?

Zurück im Barbershop wartet ein Freund aus Powells Motorradclub auf ihn. Weil der Mann seine langen Haare behalten möchte, flechtet Powell sie zu Cornrows – eng am Kopf geflocheten Zöpfe. Wenig später schickt Powell mir ein Foto vom Ergebnis auf mein Handy. Da sitzen wir längst im Bus auf dem Weg zur Hochbahn. „Ihr fahrt mit dem Bus?“, reagiert er entsetzt. „Ihr verrückten Deutschen! Da geht es rau zu. Ich würde nie in diesen Bus steigen!“