Kristian Walter über die neuen MÜHLE-Filme, ruhiges Erzählen in schnellen Zeiten – und warum gute Kommunikation immer bei der Haltung beginnt.

„Ein Puzzle aus Bildern“

Vier Filme, vier Perspektiven: Zum 80. Jubiläum hat MÜHLE gemeinsam mit dem Leipziger Filmstudio Ertzui eine Mini-Serie realisiert, die über klassische Markenkommunikation hinausgeht. Statt Hochglanzwerbung entstehen poetische Portraits – über den Ort, an dem die Produkte entstehen, über Inspiration, Gemeinschaft und Wandel. Im Gespräch erklärt Filmemacher Kristian Walter, warum für ihn Maßarbeit, Ruhe und echte Nähe zum Unternehmen wichtiger sind als Trends und was gutes Storytelling für ihn ausmacht.

Kristian, 2009 habt Ihr Euer Filmstudio in Leipzig gegründet. Mit einem sehr eigenen Stil habt Ihr Euch vor allem im Fahrradbereich schnell einen Namen gemacht. Kannst du uns diesen Stil mal beschreiben?

Als wir anfingen, änderte sich im Bewegtbild gerade viel. Filme entstanden ausschließlich fürs Netz, neue spielerische Formate entwickelten sich, hochästhetische, mutige, auch progressive Arbeiten. Gleichzeitig schien die Fahrradkultur viele Kreative fast magnetisch anzuziehen, auch uns. Companies stellten sich gerade online anders auf, wollten da Geschichten erzählen, wo ihr Publikum sich ohnehin befand. Und es galt: Was nach Werbung riecht, wird ignoriert und nicht geklickt. So musste eine andere Art von Markenarbeit her. Companies beauftragten künstlerisch arbeitende Kreative oder kleine Studios direkt: Hier ist ein kleines Budget, erzählt eine gute Geschichte über uns. Und der Stil, ich weiß gar nicht, ob der so eigen ist. Vieles konnten wir sehr frei angehen. Es geht bei uns immer um die Menschen, um die Charaktere, ihre Sicht und Haltung. Wir haben viel Freude am Erzählen und Maßschneidern in der Produktion – die richtigen Kreativen und Experten ins Boot zu holen. Vielleicht ist es auch unser Blick auf scheinbar Nebensächliches, was uns ausmacht – das in Kombination mit analogen und digitalen Werkzeugen. Unsere Devise: Immer nur soviel Technik wie nötig, und soviel Zeit zum Zuhören und Verstehen wie möglich.

Wenn Ihr Filme über Marken dreht, wie jetzt über MÜHLE: Was ist Euch wichtig zu transportieren?

Wenn wir einen Film machen, ob über ein Unternehmen oder eine Person, dann interessiert uns das Warum. Warum tut jemand, was er oder sie tut? Warum in dieser Form? Wir versuchen immer den ganzen Kosmos einer Firma zu verstehen, die Haltung dahinter – welche Werte werden gelebt? Wir tauchen richtig ein. Was wir dann sehen, übersetzen wir in Bilder, Worte, Stimmungen. Dabei entstehen keine klassischen Imagefilme, wie man sie aus der Werbung kennt. Sondern in der Regel – hoffentlich – etwas, das hängen bleibt, und das bei den Zuschauenden ein Gefühl entstehen oder Fragen aufkommen lässt, über die man noch länger nachdenkt. 

Anlässlich des 80. Geburtstages habt Ihr nicht einen, sondern vier Filme über MÜHLE gedreht. Wie kam es zu dem Konzept einer Mini-Serie?

Das klingt groß – ich würde eher sagen, wir haben vier Aspekte oder Gedanken, die wir früher in einer Filmarbeit behandelt hätten, einzeln in Kapiteln erzählt. Das Publikum entscheidet, ob es den einen Gedanken kreisen lassen oder gleich zum nächsten weiter möchte.

Und wie entstand das Konzept?

Der letzte Film, den wir über das Unternehmen gemacht haben, ist jetzt über 10 Jahre alt – es war also ganz klar Zeit für etwas Neues. Ein großes, knapp 10-minütiges Porträt, wie wir es damals gemacht haben, schaut heute niemand mehr an. Dennoch sollte es etwas sein, das zeigt, was MÜHLE ausmacht: Ein über acht Jahrzehnte organisch gewachsenes Familienunternehmen, ohne Investoren im Hintergrund, mit echten Menschen und Visionen, das einerseits lokal verwurzelt und gleichzeitig international unterwegs ist. Diese Vielschichtigkeit in 60 Sekunden zu pressen, hätte nicht gut funktioniert. Deswegen die Idee mehrerer in sich runder, kurzer Kapitel. Man kann davon eines anschauen, oder noch ein weiteres, vielleicht sogar ein drittes oder gar alle vier. So entsteht beim Schauen eine Leichtigkeit, etwas Spielerisches, wie ein Puzzle oder ein Mosaik. An so ein Bild denke ich oft, wenn ich mit vorstelle, über wie viele einzelne Teile sich das Bild einer Marke zusammensetzt. Für MÜHLE bieten die Kapitel den Vorteil, sie einzeln einzusetzen.

Die Filme sind in ihrer Erzählung ruhig, fast poetisch. Das Handwerk hinter den MÜHLE-Produkten, die Präzision und Details werden durch extrem starke Bilder auf eine Bühne gehoben. Was wolltet Ihr atmosphärisch transportieren?

Bei MÜHLE geht es ja viel um Präzision und Sorgfalt – das sind wichtige Werte, die man auch spüren soll. Wir wollten zeigen: Hier arbeitet niemand im Akkord, sondern mit Fokus und Achtsamkeit. Die dunklen Lichtstimmungen, das Tempo, der Ton – das alles soll diese besondere Ruhe und Tiefe erlebbar machen, die wir mit MÜHLE verbinden. Und gleichzeitig gibt es Leichtigkeit und Internationalität. Besonders in Kapitel 3 wird das sichtbar. Die Filme zeigen: Hier wird etwas gemacht, das in die Welt hinaus will, aber mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt. 

Ausschnitte aus den Filmen zeigen das Poetische, das den Aufnahmen anhaftet
Morgenstund in Hundshübel – hier ein Teil des Unternehmens
Schätzt das gemeinsame Nachdenken über Werte: Kristian Walter von Ertzui

Wie positioniert Ihr Euch als Studio in Zeiten von TikTok und extrem schnell getakteter Kommunikation?

Es gibt viel, was man bedienen könnte – und manchmal tun wir das auch. Aber ehrlich gesagt: Wir sind keine Schnellproduzenten. Wir glauben an Inhalte, die bleiben dürfen. Die berühren. Die nicht gleich weiterwischen lassen. Vielleicht braucht es gerade jetzt solche Filme – als Gegenbewegung zur Beschleunigung. Und vielleicht liegt darin auch unsere Zukunft: Formen zu finden, die entschleunigen, aber dennoch zeitgemäß sind.

Letzte Frage: Nach der Arbeit mit MÜHLE – was bleibt für Dich persönlich hängen?

Die Arbeit an den Filmen hat sich gut angefühlt; arbeitsreich, aber gesund. Und alle hier im Projekt mochten MÜHLE und das, was Christian und Andreas sagten. Was noch immer nachhallt, ist die klare und starke Haltung der Müller-Brüder. Das ist nicht selbstverständlich. Und es braucht Mut, sich selbst zu zeigen. Nicht glatt und poliert an der Oberfläche, sondern mit Tiefe, einen Blick dahinter oder die Frage nach dem „Warum“ zuzulassen. Vielleicht ist es das, was am meisten bleibt: das Gefühl, dass es nicht nur um Kommunikation ging, sondern um ein gemeinsames Nachdenken über Werte.