Zwischen Bergpanorama und Designermöbeln stellt sich ein Mann mit 43 die Frage, was bleibt, wenn man dem Körper alles entzieht: Alkohol, Zucker, Ablenkung – und ein Stück Selbstbild. Ein persönlicher Bericht aus einer österreichischen Entgiftungsklinik über Schönheit, Kontrolle und die Lust auf die nächsten 43 Jahre.

Einmal Detox, bitte

 „Viele Menschen kommen in einer Krise zu uns“, sagt der Chefarzt und schaut mich an. Draußen Schneeflocken über dem See, dahinter Bergpanorama. Ich bin in einer österreichischen Entgiftungsklinik. Holzboden, Designermöbel, Kissen mit Trachtenmuster. Kate Moss, Liz Hurley und Liv Tyler waren schon hier. Jetzt also ich. Gekommen bin ich, um über meinen Aufenthalt zu schreiben. Aber ich habe noch andere Ziele: mich auffrischen, achtsamer werden, abnehmen. Ist das noch eitel, oder schon die Midlife Crisis?

Ich bin jetzt 43 Jahre alt. Ein Mann und seine Schönheit – es ist kompliziert. Dabei war doch alles so einfach. Als ich die Pickel der Pubertät final überwunden hatte, wuchs in mir ein stabiles Selbstbewusstsein. Die Muskeln hart, die Haare voll, neu im Programm war ein sprießender Bart. Mehr Attraktivität kaufte ich hinzu: Ein cooles Shirt. Ein Paar rare Sneaker. Die erste gute Uhr. In den kommenden Jahren lebte ich mehr, als dass ich auf mich achtete. Ein Freund harter Rauschmittel war ich nie. Aber auch legale Drogen wie Alkohol, Koffein und Zucker sind Gifte. Stoffe, die Spuren hinterlassen. Furchen auf der Stirn etwa. Oder Bauchspeck unter dem Shirt. Diese Geister, die ich rief, will ich loswerden. Entgiftung meint Askese. Ich werde auf 600 Kalorien pro Tag gedrosselt, faste nach der Mayr-Methode. Gekochtes Gemüse, kaum Gewürze, keine Rohkost. Abends gibt es Brühe und eine harte Stange Buchweizenbrot. Jeden Bissen davon soll ich 40 bis 60 Mal kauen. Im Restaurant gilt Handyverbot. Ich soll nicht lesen und nicht sprechen. In dieser Welt gilt auch die Zerstreuung als Gift.

Meine Tage sind voll. Magnetfeldtherapie, Cranio Sacral, Wasser-Shiatsu. Ich mache das alles mit, auch wenn ich vieles für esoterischen Käse halte. Ich fahre Fahrrad mit einer Sauerstoffmaske auf, ziehe Bahnen im Pool, bekomme Vitamine per Infusion. Jeden Tag besuche ich eine nette Ärztin, die mir den Bauch massiert. So geht das knapp zwei Wochen lang. Am Ende fehlen sechs Kilo auf der Waage. Der Giftmüll wurde offenbar verbrannt. Im Spiegel sehe ich einen Mann, der nicht unbedingt schöner ist. Aber der sich auf die nächsten 43 Jahre freut.

Adrian Pickshaus entwickelt als Kreativdirektor der Hamburger Agentur Territory Kommunikationskonzepte für Unternehmen. Inzwischen isst er wieder normal, nur die Zwiebeln im Curry ersetzt er jetzt durch Fenchel. Dessen Knollen findet er sehr schön. 

Dieser Artikel ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Frühjahr 2021 erschienen. Das Heft ist hier kostenfrei zu abonnieren.