Feinmechanik aus Sachsen: Wie Lang & Heyne Luxusuhren in Handarbeit fertigt
Jens Schneider steht da mit einem Lappen in der Hand und poliert eine Fräsmaschine. Die Putzfrau hat einen Wasserfleck darauf hinterlassen. Die gusseiserne Apparatur ist aus dem 19. Jahrhundert und könnte eigentlich noch benutzt werden, sagt Schneider und fängt sofort an, zu erklären, wie sie funktioniert. Und wenn einer das weiß, dann er. Der 58-Jährige ist in der internationalen Uhrenszene eine Art Guru der mechanischen Uhren.
Wer den Empfangsraum von Lang & Heyne in Radeberg bei Dresden betritt, könnte den Eindruck bekommen, dass es diese Firma schon seit Generationen gibt. Dabei hat Marco Lang sie erst 2001 gegründet und 2003 seine erste selbstentwickelte Uhr auf den Markt gebracht. Im vergangenen Jahr hat Jens Schneider die Leitung der Entwicklungsabteilung übernommen und ist seitdem der Chef von 21 Mitarbeitern.
Aber, so macht Schneiders spontaner Vortrag an der Fräsmaschine deutlich, zuallererst ist er Uhrmacher. Man sieht ihm an, dass er gern selbst am Werktisch steht und an einer Uhr baut. Er lächelt und ist bei aller Bescheidenheit doch das Gesicht von Lang & Heyne. Dabei macht er wenig Aufhebens um seine Person. Er scheint gar nicht zu bemerken, wie viel Autorität er durch sein Wissen ausstrahlt. Und er wirkt auch kein bisschen ungeduldig, wenn er Laien erklären soll, wie seine Uhren funktionieren, was eine Dreiviertel-Platine ist und welche Funktion die 19 eingelassenen Rubine haben. Dass Technik gleichzeitig schön sein kann oder andersherum Schönheit so viel kann, ist für Jens Schneider erfüllend.

Schneider

Ganz genau beschreibt er den Aufbau eines Uhrwerks. Wie die Zahnräder ineinander greifen, wo es gilt, die Reibungen, die durch die Schwingungen entstehen, abzumildern und wann sich die Feder entspannen will und wie das hilft, die Bewegung vom Langsamen ins Schnelle zu transformieren. Sein Handwerk hat Schneider in Glashütte gelernt, dem sächsischen Zentrum der Uhrenherstellung. Er erlebte die Neugründung der renommierten Uhrenmanufaktur Lange & Söhne nach dem Mauerfall als einer der ersten Mitarbeiter von Anfang an mit. Viele Jahre entwickelte er dort neue Modelle, bis er sich mit einer eigenen Werkstatt selbstständig machte. Genug Arbeit gab es. Immerhin haben Uhren eine lange Tradition in Sachsen.
Alles begann im 17. Jahrhundert mit dem Kurfürsten von Sachsen, August dem Starken. Der liebte die Astronomie, das zog Experten an, so kam eins zum anderen. Noch heute gibt es rund um Dresden mit Glashütte als Zentrum viele Fachleute wie Graveure, Emailleure und Finisseure. Bei Lang & Heyne ist man sich der Tradition des sächsischen Handwerks bewusst: Die ersten Uhren wurden nach den Vorbildern alter Taschenuhren aus dem 19. Jahrhundert entwickelt. Alle Uhren tragen die Namen von sächsischen Herrschern wie Moritz, Friedrich III. und August dem Starken. Die Preisspanne reicht von 21.500 bis über 200.000 Euro.
Dass die Uhren trotzdem nicht wie Museumstücke anmuten, liegt an der modernen wie auch präzisen Handwerkskunst. Wenn die Firma auch in einer denkmalgeschützten Mühle untergebracht ist – bei Lang & Heyne schwelgt man nicht in Nostalgie. Direkt hinter dem Empfangsraum stehen zwei hochmoderne CNC-Fräsmaschinen. An der Wand lagern lange Stahlstangen, aus denen später winzige Schrauben gedreht werden. Im ehemaligen Tanzsaal – die Ullersdorfer Mühle war einst eine Gaststätte – stehen die beiden größten Maschinen direkt unter einem Kronleuchter. Hier schaut sich Sven Meyer gerade die runden Grundplatinen an, die er aus seiner CNC-Fräse geholt hat. Er prüft, ob alle Vertiefungen, Rillen und Löcher exakt gearbeitet sind, um die vielen Einzelteile später wie in einem Puzzle auf der Platte anordnen zu können. Ihm und seinem Kollegen reicht die Konstruktionszeichnung einer neuen Uhr, um damit den Computer zu programmieren. Ich bin die Maschine“, sagt Meyer. Seit 2005 verbringt der CNC-Techniker jeden Tag immerhin acht Stunden mit ihr.
In einem kleinen Kabuff sitzt seine Kollegin Annett Böttner und emailliert Scheiben von nur 9,5 Millimeter Durchmesser und 0,5 Millimeter Höhe. Einen Tag braucht sie, bis auf der winzigen Fläche die Weltkarte mit Zeitzonen in Grün, Blau und Gold für die Uhr Moritz entstanden ist.

Die Uhr Moritz verfügt über sämtliche Kalenderfunktionen. Es gibt eine Anzeige für den Wochentag, den Monat und einen Sekundenstopp. Eine Scheibe zeigt die Weltzeit an, eine weitere die Mondphasen.

Die Uhr August I ist eine echte Rechenmaschine mit einem Programmring, der 12 Jahrestage anzeigt. Passend zum Datum wird der Name und das Alter einer Person angezeigt, abgestimmt auf den Träger.
Im ersten Stock wird die Arbeit noch diffiziler. Hier sitzen die Uhrmacher an hohen Werkbänken. Mit bloßem Auge ist die 0,3 Millimeter breite Schraube kaum zu erkennen, die in ein metallenes Greifwerkzeug eingespannt ist. Eine Uhrmacherin schaut durch ein Mikroskop, während sie die Schraube mit Wachs poliert. Ist sie im Uhrwerk verbaut, soll nicht der Hauch eines Kratzers zu sehen sein. Deshalb dauert es bis zu 45 Minuten, bis eine Schraube fertig geschliffen und poliert worden ist.
Poliert wird viel bei Lang & Heyne und das nicht nur, damit alles schön glänzt. Da muss Jens Schneider erst einmal den Unterschied zwischen Glanz und Brillanz erklären. Ersteren hat der Gegenstand immer, egal wie man ihn dreht und wendet. Brillanz aber ist mehr: Je nach Licht und Winkel blitzt die Fläche hell oder ist dunkel, dafür muss sie absolut glatt sein.
Die größte Herausforderung für diesen Luxus ist die Stückzahl. Jede Uhr wird erst nach der Bestellung gefertigt, 50 Stück verkauft Lang & Heyne jährlich an Liebhaber auf der ganzen Welt. So aufwendig sind die Uhren in der Herstellung, dass mehr bisher einfach nicht möglich war. Für eine Uhr mit drei Zeigern benötigt ein Uhrmacher bis zu drei Monate, für eine mit Datumsanzeige und Mondphasen auch schon mal ein halbes Jahr. Die Augustus, die Spezialanfertigung einer mechanischen Rechenmaschine mit Anzeige von individuellen Geburts- und Jahrestagen braucht anderthalb Jahre, bis sie die Werkstatt verlässt.


Jens Schneider sagt: „Es gibt zwei Arten von Uhrenkäufern, solche, denen es nur um die Marke geht und solche, die sich für die Technik begeistern.“ Keine Frage, dass es sich bei Lang & Heyne-Kunden um die zweite Kategorie handelt.
Die Uhren erkennt man an den besonderen Details. Das Armband ist mit der Uhr durch drei Anstöße verbunden, die Schrauben sind zinnpoliert und teils tiefblau flammengebläut, die Zeiger sind handgearbeitet, die Ziffernblätter emailliert, das Räderwerk ist aus Roségold und die Platinen, Brücken und Kolben werden mit Silberpaste angerieben und anschließend vergoldet. Und dann ist da noch die Rückseite der Uhr, die genau so wichtig ist wie das Ziffernblatt. Deshalb haben alle Exemplare bei Lang & Heyne einen Glasboden, so kann man jede Bewegung der Uhr verfolgen.
Jens Schneider will nun erst einmal mit den bereits etablierten Uhren arbeiten. Jedes Exemplar auseinandernehmen und wieder zusammenbauen, um zu schauen, wie er sie mit seinem jungen Team noch besser machen kann. Um dann bald eine neue Uhr in Angriff zu nehmen. Die Erste von Jens Schneider für Lang & Heyne.
Dieser Artikel ist zuerst in der gedruckten Version von 30 Grad im Frühjahr 2020 erschienen.