Zwischen Bozen und Berlin, Krawatte und Kapuzenpulli: Lenz Koppelstätters persönliche Stilgeschichte über Blicke, Anpassung und die leise Sehnsucht nach Eleganz.

Flucht in die Eleganz

Ich trage manchmal gerne Krawatte. In Berlin trägt man nicht manchmal gerne Krawatte. Das hatte ich schnell verstanden. Ich sah die Blicke – morgens in der U-Bahn. Die Blicke sagten: „Der Arme muss für die Arbeit Krawatte tragen!“ Oder abends am Kanal. Sie sagten: „Was ist das für ein Spießer?“ 

Ich war vor zehn Jahren von Bozen nach Berlin gezogen. Ich hatte Schlimmstes befürchtet: Deutsche, das waren für uns seit Kindheitstagen bierbäuchige Socken-in-Sandalen-Träger, die im Italienurlaub das Schöne möglichst hässlich gekleidet zu betrachten suchten. Es kam nicht so schlimm – es kam anders schlimm. Berlin präsentierte sich mir als Stadt, deren Bewohner durchaus Modebewusstsein ausstrahlen wollten, aber bitteschön bequem und vor allem: jugendlich.

Ich habe in zehn Jahren (Charlottenburg ausgenommen!) keine 30 Frauen in High Heels gesehen, keinen Mann, der bei Regen einen Schirm mit Ebenholzgriff aufspannte. Nur Frauen in ranzigen Sneakers, in Pfützen stehend, da sie ihren praktischen Knirps-Schirm in den Untiefen ihres Rucksacks nicht finden konnten. Ich fühlte mich umzingelt von Mitte-30-Männern, die ihre Mitte-30-Schenkel in Skinny-Jeans quetschten, mit Skateboard unterm Arm. 

In der „Komischen Oper“ wurde Heiko Maas von der deutschen „GQ“ zum „Best Dressed Man“ ausgewählt. Das fand ich komisch, wirkt Maas doch wie ein Playmobil-Männchen mit Playmobil-Brille in Playmobil-Anzug. Nicht komisch fand ich die schleichende Verheikomaasierung meiner selbst. Die Blicke in der U-Bahn, am Kanal, ich hielt sie nicht mehr aus. Meine Krawatten verstaubten, Polos verdrängten Hemden. Ich verkam, verlotterte, verberlinerte. Ich flüchtete.

Seit einem Jahr lebe ich wieder in Bozen. Bin viel in Verona und Mailand. Ich beobachte das gekonnte Flanieren italienischer Männer. Ich bewundere die lässige Eleganz. Sie bemerken mein verkrampftes Ebenso-lässig-wirken-Wollen. Sie lächeln. Das Lächeln sagt: Unbedingt locker sein wollen, das funktioniert nicht, poveretto! Zehn Jahre Berlin haben mich geprägt. 

Lenz Koppelstätter ist Buchautor, Reporter für GEO Saison, Salon, B-Eat und Textchef bei AW Spezial. Er lebt in Bozen, liebt das Klack-klack von High Heels unter Laubengängen und verachtet Flip-Flops abseits von Stränden.

Diese Kolumne ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Herbst 2019 erschienen. Das Heft ist hier kostenfrei zu abonnieren.