Äußere Werte
Ich habe ein Problem: Ich kriege zu viele Komplimente, und zwar ausnahmslos von Frauen. Das finden Sie jetzt sehr kokett? Es stimmt aber. Da war die eine Arbeitskollegin, die aus der Halbdistanz bekannte, ihr gefalle mein Vollbart. Und die andere, die lobte, ich würde schön lächeln. Es gibt Frauen, die im Wochenrhythmus meine Outfits kommentieren, und in der Kantinenschlange sagte jüngst eine Mittdreißigerin, die ich gar nicht kannte: „Du bist aber ein hübscher Mann.“ Einfach so, mit dieser ansatzlosen Beiläufigkeit, mit der sonst Leute „Der Bus fährt gleich ab“ sagen. Danach drehte sie sich wieder zum vegetarischen Curry. Ich nuschelte ein „Ähm… danke“, was hätte ich sonst sagen sollen?
In meiner beschämten Verkrampftheit schwang das ganze Problem schon mit. Man stelle sich vor, es wäre andersherum gewesen, ich also der ungefragt Komplimentierende – Übergriff! Zugriff!
Höflichkeitsregeln im Job haben sich verschoben, seit MeToo, Sexismusdebatte und Political Correctness ganz besonders. Kommentare, die das Äußere betreffen, sind für Männer tabu, warnen Businesscoaches, und zwar zurecht. Für Frauen scheint das nicht zu gelten.
Zuhause erzählte ich meiner eigenen vom Erlebten und wurde endgültig zum Opfer. Das gehe ja gar nicht, rief sie, um mich mit sorgenvoller Miene zu fragen, wie ich das ausgehalten hätte. Freunde taten, als sei ich mit vorgehaltener Waffe überfallen worden, und versicherten mir ihr Mitleid. Da war es natürlich zu spät, um zu gestehen, was ich längst hätte gestehen sollen, nun aber nicht mehr konnte: dass ich die Belobigungen eigentlich sehr schön gefunden hatte und glaubte, dass sie ihre Berechtigung hatten.
War hier feministisches Empowerment zu beobachten, eine Art verspäteter Machtausgleich, bei dem Frauen demonstrativ nachholten, was Männern schon verboten war?
Ich fand die Debatte so betrüblich, dass ich mir vornahm, fortan bei einem Kompliment nicht mehr zusammenzuzucken wie ein Tier, das noch nie gestreichelt wurde. Ein ehrliches, gutes Kompliment hat keine geheime Agenda, es entsteht aus dem Moment und vergeht mit ihm und mitunter bleibt Freude zurück. Gewiss, es gibt Grenzen und Grenzen sind wichtig. Aber wo sie gewahrt sind, kann Nettigkeit Türen öffnen, ganze Festsäle der Geselligkeit. Da kann sie ein Wetterleuchten sein im Grau des Alltags. Und Sie, die Sie die Kolumne bis zum Ende gelesen haben, Sie sehen übrigens fantastisch aus.
Moritz Herrmann ist Textchef beim stern. Seine Reportagen wurden vielfach ausgezeichnet. Die Bilder, die von ihm im Internet kursieren, sind nicht repräsentativ, findet er.
Diese Kolumne ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Herbst 2025 erschienen.