Was riecht wie Wald, kostet 27 Euro und verspricht nichts als Zurückhaltung? Ein aluminiumfreies Deo, das mehr über unser Verhältnis zu Männlichkeit erzählt als man denkt. Eine Kolumne über Duft, Unsicherheit und die stille Sehnsucht nach einem Produkt, das einfach funktioniert – ohne zu schreien.

Motorenöl der Männlichkeit

Vor Kurzem hielt ich mal wieder ein neues Deo in der Hand und schnupperte unsicher an meinem Handgelenk. Oft war ich in den letzten Jahren seufzend durch die Regalreihen des Drogeriemarktes geschlurft, auf blaue, schwarze und silberne Dosen blickend, die „Energy“ und „24-Hour High Performance“ versprachen und aussahen wie Motorenöle für Rennwagen. Aber ich bin kein Rennwagen, will keine Funktionen, sondern dezenten Duft und bin so in den dunklen ruhigen Laden eines australischen Biokosmetik-Herstellers geraten.

Alles war sehr dezent und unaufdringlich hier, das Ambiente wie die Düfte. Das aluminiumfreie Deodorant roch erdig und waldig, nach Wurzel, Zinksalz und Koriandersamen, wie ich las. Ich wähnte mich am Ende einer Suche, die mit 12, 13 Jahren begonnen hatte, bezahlte knapp 30 Euro und war glücklich.

Anders als Parfum ist das Deo eines der wenigen Hautpflegeprodukte für Männer, bei dem man sich auch in der Pubertät keinerlei Sorge um die eigene Männlichkeit machen muss. Anders als Parfum schreit ein Deo nicht „Date“ oder „Bewerbungsgespräch“. Seine Aufgabe ist es eben gerade, dass man nicht riecht. Ansonsten ist es einfach da.

Gerade deshalb gilt Deo unter Pubertierenden als Auszeichnung des Erwachsenwerdens, wie Bartwuchs und Schambehaarung. Jemand, der ein Deo braucht, ist kein Kind mehr. Weshalb wir uns damals mit dem Zeug ein­sprühten, als wären wir von Käfern befallene Pflanzen. Denn so ist das mit unsicheren Jungs: Im Zweifel wird übertrieben, bis man sich selbst überzeugt oder wenigstens benebelt hat. Das aber, dachte ich, sei auch so ein Problem von 13-Jährigen.

Das war ein Irrtum. Das 27-Euro-Deo gefiel mir nämlich derart gut, dass ich das kleine Fläschchen über ein verlängertes Wochenende komplett aufbrauchte. Unter den Armen, aber auch als Parfumersatz. Wie benebelt. Als ich das Fläschchen wegwarf, seufzte ich wieder. Auf Dauer wäre das einfach zu teuer. Ich würde weitersuchen müssen.

Daniel Erk arbeitet als Redakteur und Reporter beim Tagesspiegel und moderiert den Podcast „Frisch an die Arbeit“ von ZEIT Online.

Diese Kolumne ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Herbst 2018 erschienen.