Krawatte statt Tattoo, Rasiermesser statt Trendfrisur: ein Besuch im ältesten Barbershop der Welt, wo statt Craft-Beer-Bärten noch immer Rasierwasser, Tradition und eine kleine Prise Macht in der Luft liegen.

Ritterschlag mit Rasierklinge

Lange Zeit war ich Stammkunde eines Londoner Barber­shops, in dem nur junge, tätowierte Italiener arbeiteten. Es schien, als bliebe der Laden ewig jung – und nur ich würde älter. Irgendwann sah ich im Spiegel einen bald 40-jährigen Familienvater, mit einem jungen, womöglich zu jungen Haarschnitt. Da wurde mir klar: Jetzt musst auch du weiterziehen.

Aus dem Kosmos der Trendsetter verabschiede ich mich, indem ich an einem Samstagmorgen erstmals Truefitt & Hill betrete. Der älteste Barbershop der Welt ist ein Bollwerk der Tradition und Beständigkeit. Hier werden keine Hipster für die Craft-Beer-Probe frisiert, sondern Gentlemen für Heldentaten – früher etwa Winston Churchill oder Feldmarschall Montgomery.

Die Barbiere haben Krawatten statt Tattoos. Neben mir wird ein Amerikaner (Typ: Finanzhai von der Wall Street) einshampooniert und einem Chinesen (Typ: Stahl-Tycoon aus Hongkong) der Nacken ausrasiert. Man erörtert die Weltlage: Die neuen Mächte Asiens, Europa und der Brexit. Dann entdecke ich ein Schwarzweiß-Porträt von Churchill an der Wand und hoffe, dass ich nicht mit dessen Frisur den Laden wieder verlasse. Nach 30 Minuten zerstreut der Blick in den Spiegel meine Bedenken. Der Schnitt ist gut, mein Bart akkurat getrimmt.

Dass ein kahlköpfiger Staatsmann die Handwerkskunst dieses Barbers bezeugt, macht dennoch Sinn, denn nicht nur die (Rest-)Haare der Kunden werden hier eingeseift, sondern vor allem deren Egos. Ich betrachte mich als geerdete Persönlichkeit. Doch auch ich spüre hier ein Gefühl der Erhabenheit. Als sei ich nach einem Ritterschlag mit der Rasierklinge nun Mitglied einer nach Tabak, Moschus und Macht duftenden Tafelrunde. Könnte natürlich auch sein, dass mir die mit Rasierwasser getränkte Luft die Sinne benebelt.

Später erfahre ich, dass zu den Kunden von Truefitt & Hill auch Prinz Philip gehört, der Ehemann der Queen. Der ist 97. In der Welt dieses Barbershops darf ich mich also endlich wieder jung fühlen. Beim Abschied sage ich: See you soon!

Reinhard Keck ist Journalist und berichtet für den Focus und andere Medien aus London. Neulich wurde er von einer Bekannten gefragt, ob er ihrem Partner mal ein paar Tipps zur Bartpflege geben wolle. Darüber freut er sich immer noch.

Diese Kolumne ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Frühjahr 2019 erschienen.