Gutes Werkzeug erkennt man nicht am Namen, sondern im Moment der Anwendung. Für den Barbier Thomas Walther ist es die Verlängerung seiner Hand – präzise, verlässlich und ein kleines bisschen exzentrisch

Der Enthusiast

Thomas Walther, Barbier in vierter Generation, verbindet erzgebirgische Handwerkstradition mit Rock ’n’ Roll – und einer kompromisslosen Liebe zu gutem Werkzeug

Eigentlich wollte Thomas Walther Holzspielzeugmacher werden. In anderen Gegenden Deutschlands könnte das exzentrisch klingen, im Erzgebirge ist es naheliegend. Holzspielzeug hat hier eine lange und lebendige Geschichte, jedes Kind kommt von klein auf mit dem kunstvollen Handwerk in Kontakt. Nach einem Schulpraktikum revidierte Walther seinen Berufswunsch. „Ich dachte, dass man eine Figur von vorn bis hinten zusammenbaut, aber in Wirklichkeit wiederholt man immer denselben Arbeitsschritt“, sagt der 39-jährige lachend. Ein Handwerksberuf, bei dem er kreativ, sorgfältig und sein Werk von Beginn bis zur Vollendung betreuen kann, war ihm in die Wiege gelegt worden: Barbier- und Friseurmeister. Walther erinnert sich, wie er zuhause auf seinen im Sessel sitzenden Großvater zuging und sagte: „Opa, ich werde doch Friseur“ und dieser vor Freude in Tränen ausbrach. 

Der Rasierschaum bildet einen Film zwischen Klinge und Haut und reduziert die Reibung
Zwei ENTHUSIAST Rasiermesser warten gedulig auf ihren Einsatz

Heute ist der Friseursalon Walther in Borstendorf 100 Jahre alt. Das Interieur scheint aus der Zeit gefallen: ein dunkles Holzbuffet mit polierter Natursteinablage, in die Handwaschbecken eingelassen sind, gepolsterte Drehstühle, die bei jeder Bewegung leise nachgeben. Walther bringt sie mit ein paar Tritten auf das Hydraulikpedal auf die richtige Höhe. Nichts wirkt hier eilig oder austauschbar. Auf den ersten Blick fügt sich der Friseurmeister in dieses Bild: Button-Down-Hemd, Krawatte, Weste, Schnauzbart und dazu Schiebermütze auf dem Kopf. Unter dem hochgekrempelten Hemd lugen tätowierte Pflanzenranken hervor, die Loafer sind von Dr. Martens, und auf dem Grammophon in der Ecke liegt – bei näherem Hinsehen – ein iPad, aus dem Gitarrenriffs von Bands wie Danko Jones oder Enter Shikari kommen. Also doch mehr Rocker als Gentleman? 

Formvollendet am Stuhl: Dr. Martens-Loafer zum Tweed-Anzug
Nachdem Walther die Klinge im Papier halbiert, legt er sie in das aufgeklappte Rasiermesser ein

Sein Kunde lässt sich den Vollbart trimmen, dazu benutzt Walther eine Schere, die ihm vom Westenknopf baumelt: Mizutani, unter Kennern die Königin der Friseurscheren. Wenn es auf die Haut geht, greift er nach seinem liebsten Rasiermesser, dem ENTHUSIAST von Mühle. So wie Walther selbst lässt es sich als modernisierte Variante eines Klassikers beschreiben. „Rasiermesser dürfen wir nach den Hygienevorgaben im Friseurhandwerk gar nicht mehr benutzen. Deshalb ist der ENTHUSIAST mit der Wechselklinge die perfekte Lösung, da jeder Kunde eine neue Klinge bekommt.“ Er nimmt eine Klinge im Papier in die Hand und bricht sie der Länge nach durch, dann legt er die halbierte Klinge in das Rasiermesser ein. Sanft fährt er über die Wange seines Kunden. „Das Rasiermesser ist vollständig aus Edelstahl, liegt sehr gut in der Hand und hat ein gewisses Gewicht“, erklärt Walther. „Das ist beim Rasieren sehr wichtig, denn man muss weniger Druck ausüben. Durch das Gewicht rasiert das Messer eigentlich von allein. Man spürt es einfach, wenn man mit einem Profigerät arbeitet.“ 

„Durch sein Gewicht rasiert das Messer wie von allein“, sagt Walther
Die japanische Mizutani-Schere liebt der Frisör so sehr, dass er sie als Tattoo auf dem Oberarm trägt

Dieselbe Sorgfalt, mit der er sein Rasiermesser aussucht, steckt er in die Wahl der richtigen Schere. Seit 20 Jahren schneidet Thomas mit japanischen Mizutani-Scheren. Seine Liebe zur Marke ging so weit, dass er sich sein Lieblingsmodell auf den Arm tätowieren ließ. Auf einer Messe in Düsseldorf passte er den japanischen Firmenchef Hirokazu ab und bat ihn um ein Autogramm – direkt neben das Tattoo, um es sich nachstechen zu lassen. Das sorgte bei dem Japaner erst für ungläubiges Staunen, entwickelte sich dann zu einer regelrechten Brieffreundschaft. Zur Geburt der beiden Walther-Töchter schickte der Chef aus Japan sogar jeweils eine eigene Schere. „Damit habe ich die Nabelschnur durchtrennt!“, so der Aficionado. Seine Leidenschaft für Mühle wiederum prägte einen anderen wichtigen Tag in seinem Leben. Zum maßgeschneiderten Anzug kombinierte er für seine Hochzeit Mühle-Manschettenknöpfe in Rasierklingenform. „Ich finde es immer cool, wenn es Details gibt, die dein Inneres wiedergeben“. 

Manche seiner Kunden reisen eineinhalb Stunden an, um sich unter Walthers Messer oder Schere zu setzen. Wenn seine Lieblingsbands Danko Jones, Caliban oder Enter Shikari anrufen, dann läuft es andersherum und der Friseur packt seine Scherentasche ein, um für die Rocker einen Backstage-Barbershop einzurichten. Aus Kunden, die lange Wege auf sich nehmen, sind längst Freunde geworden und aus dem Barbier, der die Band frisiert, ebenso. „Wenn die Band mit dem Catering wartet, bis der Friseur sein Werkzeug gereinigt hat, dann weiß man, dass man längst zur Tour-Familie gehört“.