„Was hier Tradition hat, ist die Veränderung“
Betritt man das Mykita-Haus, läuft man direkt auf den Frontentisch zu. Hier steht Damien Murphy und drückt aus einem Edelstahlblech die Umrisse einer Brille heraus. Oder präzise gesagt, die Front – das Stück, woran man eine Brille erkennt.
Hier, am Frontentisch, lässt sich auch am besten erkennen, was Mykita von den meisten Manufakturen unterscheidet. Das Berliner Unternehmen stellt seit knapp 20 Jahren Brillen her, das Herzstück sind immer noch solche aus Stahl und am oben genannten „Frontentisch“ probieren Damien und seine Kollegen zuerst aus, ob neue Ideen aus der Designabteilung funktionieren. „Wir haben es einfacher als viele andere Manufakturen“, sagt Mykita-Chef Moritz Krüger, „es gibt hier keine Tradition, die wir beschützen müssen“. Sie haben sich nie als Behüter eines Handwerks gesehen. Im Gegenteil. Das, was hier Tradition hat, ist die Veränderung und das Experiment.


Als Krüger sich 2003 entschloss, mit seinen drei Mitgründern, die inzwischen das Unternehmen verlassen haben, ein Brillenlabel zu gründen, wollte er eigentlich gar keine eigene Produktionsstätte aufbauen. Es hat sich einfach so ergeben. Viele Arbeitsschritte mussten eigens entwickelt werden. „So, wie wir das Material behandeln, macht das normalerweise kein Brillenhersteller“, sagt Krüger. So ist beispielsweise das Glas der Edelstahlbrillen derart filigran in den Stahlrahmen eingefasst, dass es fast darin zu schweben scheint. Heute sind die Brillen aus Edelstahl Mykita-Klassiker.
Wenn Moritz Krüger erzählt, weicht Hund Karl ihm nicht von der Seite. Mit seiner ruhigen Stimme wirkt
Krüger auf norddeutsche Art zurückhaltend, gleichzeitig gelingt es ihm mit seiner körperlichen Präsenz den Raum zu füllen. Er wirkt dabei lässig und bestimmt zugleich. Eine Bandbreite, die er auch für sein Unternehmen einfordert: Im Mykita-Haus mitten in Kreuzberg geht es nicht darum, ein modisches Nischenprodukt herzustellen. Sondern Brillen für alte wie für junge Menschen, für Modefreaks und für Technikbegeisterte.
An vielen Werktischen wird Englisch gesprochen, das Durchschnittsalter der Mitarbeitenden liegt für einen Handwerksbetrieb mit 37 recht niedrig, wobei es in den letzten Jahren allein deshalb gestiegen ist, weil viele der 280 Berliner Mitarbeitenden schon seit Gründungstagen bei Mykita tätig sind.
So auch am Frontentisch. Die elektronische Musik wird am Computer gestreamt, an der Wand hängt eine Dartscheibe, daneben ein Zettel mit dem Spruch „Nur die Darten, kommen in den Garten“. Neben dem Arbeitstisch hängen keine Kalender mit vergilbten Pin-ups, sondern kunstvolle Fotocollagen.


Ein Mitarbeiter steht an einer Biegebank und bringt die Nasenpadhebel in die richtige Form. Ausgesprochen freundlich erklärt er, was er macht. Auf die Frage nach seinem Jobtitel sagt er: „Kein bestimmter, das Berufsbild gibt es nur hier, das ist Learning by Doing.“
Trotzdem ist bei Mykita präzises Handwerk ein wichtiger Bestandteil der Arbeit. Viele Techniken haben ihren Ursprung vor 100 oder 200 Jahren in der Brillenfertigung, oftmals wurden die Werkzeuge hausintern weiterentwickelt oder für neue Modelle extra angefertigt. Auf einem Bord stehen aufgereiht verschiedene Zangen – für jede Form ist eine andere gut.
Im nächsten Raum werden die Bügel bearbeitet, unter einer vielfach vergrößernden Lupe vergleicht ein Mitarbeiter, ob er das Spiralgelenk genauso gebogen hat, wie auf der Vorlage. Die Mykita-Brille kommt ohne Schrauben aus und muss auch nicht geklebt werden. Stattdessen wird eine kleine Spirale am Ende des Bügels in die Brillenfassung eingehängt.
Das Spiralgelenk war das erste Patent. Zu diesem sind viele weitere dazu gekommen, nicht nur für technische Lösungen, sondern auch für Materialien, wie dem sehr leichten Mylon, womit Brillen per 3D-Drucktechnologie hergestellt werden.
So ist Manufaktur etwas sehr Wesentliches bei Mykita. Was in der Rückschau wirkt, als hätte Moritz Krüger von Anfang an ein genaues Konzept gehabt, ist tatsächlich Schritt für Schritt entstanden: „Unsere Strukturen fußten zu Beginn nicht wirklich auf bewussten strategischen Entscheidungen, viel entstand aus dem Produkt originär heraus. Die Erkenntnis kam oft ein wenig später und damit auch eine eigene Identität.“
Krüger sitzt im Konferenzraum, hinter sich mannshohe Holzkästen, gefüllt mit Materialproben. Plättchen aus Acetat und Stahlblech, bunt lackiert. Daneben runde Gläser in verschiedensten Tönungen, von Gelb bis Schwarz, leicht durchscheinend zart oder komplett verspiegelt. Auch die Farben für die Brillen, die die Schauspielerin Sarah Jessica Parker als Carrie Bradshaw in der aktuellen Sex-and-The-City-Fortsetzung „And Just Like That“ trägt, hängen hier – lila und blau. Überhaupt „Sex and the City“: „Die Aufmerksamkeit, die wir jetzt dafür bekommen haben, war toll, aber nicht zu vergleichen mit dem Knall, den das Modell ‘Franz’ 2010 verursachte“, sagt Krüger. Damals hatte der in Paris lebende Designer Bernhard Wilhelm für eine seiner avantgardistischen Kollektionen, die an die Skimode der olympischen Spiele 1976 in Innsbruck erinnern sollte, mit Mykita eine große Sonnenbrille mit gold verspiegelten Gläsern entwickelt.


Als die Schauspielerin Sarah Jessica Parker das ungewöhnliche Accessoire im zweiten Kinofilm der berühmten Serie trug, schnellte die Bekanntheit von Mykita in die Höhe. „Das war ein sehr oberflächlicher Hype, das hatte mit unseren Inhalten nichts zu tun“, so Krüger. Genützt hat es Mykita trotzdem. Viele entdeckten damals die Brillen und sind bis heute treue Kunden geblieben.
„Eben nicht wegen der Message, sondern wegen der Qualität“, davon ist Moritz Krüger überzeugt.
Wenn Moritz Krüger durch die Gänge des Mykita-Hauses geht, nickt er den Leuten zu. Die Begegnung mit seinen Mitarbeitenden ist freundlich, aber beiläufig. Keine Aufregung, weil der Chef vorbeikommt. „Durch die kurzen Wege kann man schnell Ideen realisieren“, sagt Krüger.
Was das in Zeiten von Corona bedeutet, wird klar, wenn der Chef die Tür zur Abteilung „Globales Sales“ öffnet. Dort stehen Schreibtische mit Computern und zwei Werkbänke, an einer bearbeitet eine Frau die Front einer Edelstahlbrille. „Homeoffice ist in der Produktion nicht möglich. Deshalb haben wir die Arbeitsplätze im ganzen Haus verteilt“, sagt Krüger. Das sind vom Erd- bis zum vierten Geschoss immerhin 5.000 Quadratmeter, verteilt in dem mehr als hundert Jahre alten Gebäude auf Seitenflügel, Vorder- und Hinterhaus.

Als Mykita gegründet wurde, gab es keine unabhängigen Brillenlabels, die auch eigene Geschäfte betrieben. Seitdem hat sich der Markt für Designerbrillen verzehnfacht. „Wir sind daran nicht ganz unschuldig“ sagt der Mykita-Chef und grinst.
Heute hat Mykita 17 eigene Geschäfte unter anderem in Paris, Tokio, Los Angeles, New York, Zürich. Das neueste wurde gerade in Mexiko City eröffnet. „Das hilft uns als Marke, uns direkt und authentisch zu präsentieren und schafft eine Verbindung zum Kunden“, sagt Krüger. Auch durch die Zusammenarbeit mit Designhäusern wie Moncler oder Martin Margiela macht Mykita immer wieder von sich reden. Dabei ging es nie darum, ein großes Logo auf eine Mykita-Brille zu drucken, sondern gemeinsam etwas Neues zu entwickeln. So ist es auch bei der Kollaboration mit dem Kamerahersteller Leica. Die Brillen sehen nicht nur technisch aus – sie sind auch mit Gläsern ausgestattet, die die beiden Unternehmen zusammen entwickelt haben.
Ein letztes Mal zurück zum Frontentisch. Hier biegt ein Mitarbeiter in schwarzem Sweatshirt, die Kapuze weit ins Gesicht gezogen, mit einer gepolsterten Zange eine Oberlinie, die wie die Andeutung eines Dachs über den Augen sitzt, in Form. Sie hat sehr feine Rillen, was an den geriffelten Blendenring am Objektiv einer Kamera erinnert. Ein Detail, an dem man später die Leica-Brille erkennt. Und ein Arbeitsschritt, der hier am Frontentisch erfunden wurde.
Dieser Artikel ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Frühjahr 2022 erschienen. Hier kostenfrei abonnieren.