Hilfe, der Dutt ist da!
Als ich vor einiger Zeit den Promi-Friseur Daniel Johnson in London traf, geriet er wegen zweier Angelegenheiten in Aufregung. Zuerst wurde ihm ein Mandel-Latté serviert, den er widerlich fand, und dann kam das Gespräch auf den Männerdutt.
Der Man Bun ist für Johnson ein Gruß aus der Vorhölle, eine Antithese zu den aufwändig gemusterten Frisuren, die er für die Fußballer Mario Balotelli oder Jamie Vardy kreierte. Der Friseur hielt eine imaginäre Schere in die Luft und – schnipp schnapp – machte er klar, wo der Zopf für ihn hingehörte: in den Abfall der Geschichte.
Dabei geistert diese praktische Frisur bereits seit Jahrhunderten durch die Kultur, wenn auch nicht durch die europäische. Die japanischen Samurai trugen den Männerdutt als Erkennungszeichen. Und es ist vermutlich diese kriegerische Komponente, die bis heute manche Männer anspricht: Wie schön wäre es doch, etwas mehr Wagemut und Tugend zu besitzen. Der Männerdutt schreit uns förmlich an: Schaut her, wie wild, unkonventionell und archaisch ich bin!
Dabei vergessen wir nur eines: Nicht jeder Mann gehört zur Figurenaufstellung von Game of Thrones. Die populäre Fantasyserie setzte seit Beginn der ersten Staffel auf lange Männerhaare, in der sechsten trägt Protagonist Jon Snow fast nichts anderes als einen eleganten Männerdutt. Wer sich also einen zurechtformt, verknüpft diese diffuse Mittelalterwelt mit der Neuzeit – manchmal mit abrasiertem Nacken. Es ist ein gemischtes Signal in einer technologisierten Welt. „Ich wische meine Dates auf Tinder herbei, aber schneide meine Haare gar nicht oder selten mit der Küchenschere.“
Nur einer Gefahr sollten Männer dabei ins Auge sehen: Nicht jede Frau schätzt es, wenn sich der Partner genauso stylt wie sie selbst, denn auch der Frauendutt ist weiterhin gefragt. Archaisches Mannsbild hin oder her. Im Notfall wird sie es dann wie Daniel Johnson machen. Schnipp, schnapp.
Ulf Lippitz lebt in Berlin. Er schreibt für den Tagesspiegel und beschäftigt sich schon aus egoistischen Gründen mit der Frage, was einem Mann steht.
Diese Kolumne ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Herbst 2016 erschienen.