Unwiderstehlicher Duft
Mein Vater wollte meiner Mutter mal ein Kompliment machen. Er sagte: „Annemarie, das riecht ja toll… Trägst du ein neues Parfüm?“ Annemarie verneinte. „Das war ein Brillenputztuch.“
Die meisten Männer machen sich wenig aus Düften. Müssten sie auf ein Sinnesorgan verzichten, fiele die Wahl wohl nicht schwer. Doch wir haben verstanden, dass Frauen anders empfinden. Dass sie es schätzen, wenn wir gut riechen. Und dass sich mit geringem Aufwand Defizite kompensieren lassen. Für Bauchmuskeln braucht es quälende Sit-ups, fürs Duften nur den Druck auf einen Sprühknopf. Selbst Massenprodukte aus der Drogerie machen unwiderstehlich, hat uns die Werbung eingebläut. Drei Euro für ein Deo, das Frauen um den Verstand bringt, sind zweifellos drei sehr gut investierte Euro. Bei mir erwuchs daraus eine Parfüm-Leidenschaft. Ich begriff: Ein Mann kann Lavendel oder Tonkabohne verströmen, ohne verweichlicht zu wirken. Nach einer Intervention meiner Schwester begriff ich auch, dass sich die Wirkung eines Parfüms nicht exponentiell steigert, je öfter man drückt. Mittlerweile reihen sich sechs Flakons auf der Ablage neben dem Spiegel. Jeder Besuch wird ins Bad geführt in der Hoffnung, sie fallen ihm auf.
Aber ich wollte noch einen Schritt weitergehen. Zauberwort: Pheromone. Das sind Duftstoffe, mit denen Tiere derselben Spezies miteinander kommunizieren und Sexualpartner anlocken. Forscher bestätigen, dass Pheromone auch beim Menschen unterbewusst wirken. Nur ob man sie einfach wie Parfüm auf die Haut auftragen kann, ist nicht geklärt. Ich bestellte meine im Netz. Zehn Milliliter kosten 25 Euro, für ganz Doofe steht auf dem Flaschenetikett eine Warnung: „Nur zur äußerlichen Anwendung“. Die Flüssigkeit riecht streng.
Allerdings soll man sie ja auch nicht pur auftragen, sondern mit einem beliebigen alkoholischen Duftwasser mischen. Der Anbieter prahlt: Wenige Tropfen reichen aus, um „die Stimmung der Frauen zum Siedepunkt“ zu bringen. Schön wär‘s. Leider merkte ich im Freilandversuch keinen Unterschied. Keine Frauen, die mich spontan nach der Telefonnummer fragten. Keine lüsternen Blicke, nirgends. Nicht mal ein Placebo-Effekt. Tröstlich war allein die Erkenntnis, dass Schummeln nicht immer hilft.
Sebastian Leber ist Reporter beim Tagesspiegel. Seine Duftkarriere begann mit Duschdas Sport. Gerade schwört er auf Issey Miyake.
Die Kolumne ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Herbst 2017 erschienen.