Woraus Sachsen gebaut ist
Früher war es ganz normal: Wer bauen wollte, verwendete Materialien, die vor Ort verfügbar waren. Das Holz kam aus dem nächsten Wald, der Stein aus einem Steinbruch in der Region und Lehm oft sogar direkt aus der Baugrube. Baumaterialien über weite Strecken zu transportieren, wäre viel zu teuer und aufwändig gewesen. Selbst in den meisten Schlössern und Kirchen war der Marmor nicht echt aus Carrara, sondern augentäuschend aufgemalt. Abhängig von der Verfügbarkeit von Baustoffen entwickelten sich typische regionale Architekturtypen wie die Reetdachhäuser des Nordens oder die Sandsteinbauten rund um Dresden und in Mainfranken.
Und heute? Wurde der letzte chinesische Bauboom – der in der Pandemie losging und mittlerweile wieder abgeflaut ist – mit containerweise Bauholz aus deutschen Wäldern gefüttert. Und umgekehrt importiert Deutschland jedes Jahr große Mengen Naturstein aus China und Indien.
Trotz der weiten Transportwege sind die Produkte aus Asien günstiger als hierzulande abgebaute. Doch es gibt eine Gegenbewegung zum globalisierten Bauen: Sie wird getragen von Architektinnen und Architekten, die dem ewigen Kostendruck trotzen wollen und sich stattdessen auf Traditionen besinnen und so viel wie möglich mit gebrauchten und regionalen Materialien arbeiten. Aber nicht im Sinne einer rückwärtsgewandten „Früher war alles besser“-Mentalität. Im Gegenteil: So zu bauen, kann Ressourcen schonen und Identität schaffen – und ist damit sehr zeitgemäß.


„Aus den Dingen, die da sind, etwas Gutes machen, kreativ sein“, fasst es Sebastian Thaut zusammen. Der Leipziger Architekt führt mit seiner Frau Silvia Schellenberg-Thaut das Büro Atelier ST. Sie sanieren häufig Bestandsbauten und haben ein Faible für regionale Werkstoffe, wie sie auch mit der neuen Mühle-Werkshalle gezeigt haben. Für 30 Grad hat Sebastian Thaut drei typische Materialien ausgewählt, die historische wie zeitgenössische Architektur in Sachsen prägen – und die beispielhaften Bauten dazu.
FICHTENHOLZ
Zum Beispiel Fichtenholz: Atelier ST haben die Werkshalle 4 für Mühle im erzgebirgischen Stützengrün als Holzbau konzipiert. Tragwerk, Dachkonstruktion und die Wandverkleidungen bestehen komplett aus dem Nadelholz. Die grünen Hügel des Erzgebirges sind Holzland, etwa ein Drittel des gesamten sächsischen Waldes wächst in dem Mittelgebirge an der Grenze zu Tschechien und macht es damit zur waldreichsten Region des Bundeslandes.
„Holzbau spielt in Sachsen eine große Rolle“, sagt Sebastian Thaut. „Es gibt ein großes Knowhow. Gerade hier im Erzgebirge kommt die typische Tüftlermentalität durch.“ Anders als in anderen Teilen des Bundeslandes dominiert im Erzgebirge die schnell und gerade wachsende Fichte – obwohl sie ursprünglich gar nicht hierher gehört. Der Nadelbaum wurde seit der Mitte des 18. Jahrhunderts angepflanzt, um gerodete Flächen neu aufzuforsten. Dem Holzhunger des Bergbaus und der Industrialisierung fielen im Erzgebirge große Waldflächen zum Opfer.


Bis nach dem Zweiten Weltkrieg galt die Fichte als Baum der Wahl – heute setzt man eher auf Mischkulturen, die weniger anfällig für die Folgen des Klimawandels sind. Aber weil wir heute ernten, was vor 80 Jahren oder mehr gesät wurde, ist Fichtenholz reichlich verfügbar. Das gab für Atelier ST den Ausschlag, als sie die neue Werkshalle für Mühle planten. Zumal das Holz auch von einer Zimmerei in der Region verarbeitet werden konnte. Das Ergebnis: eine Architektur der kurzen Wege, die eine klare, zeitgenössische Sprache spricht, durch das Material aber buchstäblich am Ort verwurzelt ist.
PORPHYR
Ein typisch sächsischer Naturstein? Da denken die meisten wohl an den Elbsandstein, der immerhin einem ganzen Gebirge den Namen gab und in Dresden und der Umgebung allgegenwärtig ist. Das Residenzschloss, der Zwinger, die Semperoper, die Frauenkirche: Alle sind aus dem hellen Sedimentgestein errichtet. Porphyr dagegen dürfte den wenigsten ein Begriff sein. Obwohl er im westlichen Sachsen weit verbreitet ist, in Leipzig etwa wurde das rötlich-geäderte Vulkangestein beim Bau der Thomaskirche, des Alten Rathauses und des Grassimuseums verwendet. Auch an zahlreichen Kirchen, Denkmälern und Brücken ist der Stein zu finden.
„Wenn man durch die Dörfer fährt, entdeckt man überall Gewände und Säulen aus Porphyr“, erzählt Sebastian Thaut. Anders als der Sandstein, der langsam durch Ablagerungen entstand, verdankt sich Porphyr einem geologischen Megaevent: Vor etwa 290 Millionen Jahren explodierte in der Gegend des heutigen Örtchens Rochlitz an der Zwickauer Mulde ein Supervulkan. Bis zu 5.500 Kubikkilometer Lava, Gase, Asche und Gestein soll die Erde ausgespuckt haben, rund 500 Meter starke Lagerstätten von sogenanntem Porphyrtuff entstanden.
Am Rochlitzer Berg wird er bis heute abgebaut. Und das Architekturbüro Schulz und Schulz, Leipziger Kollegen von Atelier ST, haben mit ihrer vor zehn Jahren geweihten Probsteikirche St. Trinitatis in Leipzig bewiesen, dass mit dem Naturstein auch heute noch ausdrucksstarke Bauten entstehen können.
Der markante Komplex aus Kirche, Gemeindehaus und Glockenturm ist komplett mit einem Relief aus Rochlitzer Porphyr verkleidet. Sebastian Thaut gefällt die Wahl des Materials: Es ist regional und passt durch seine lange Tradition gut zu Leipzig.
ZIEGELSTEIN
Im Vogtland wiederum prägen historische Bauten aus Ziegel die Landschaft – bis hin zur monumentalen Göltzschtalbrücke bei Reichenbach, der größten aus Ziegelstein errichteten Brücke der Welt. Doch was macht Mauersteine aus gebranntem Ton überhaupt zu einem typischen sächsischen Material? Schließlich bauen Menschen überall auf der Welt seit Jahrtausenden mit Lehm, ob gebrannt oder ungebrannt.


Die Antwort liegt wie beim Porphyr in den geologischen Gegebenheiten: Im Vogtland gibt es reiche Ton- und Lehmvorkommen, so dass sich im 19. Jahrhundert zahlreiche Ziegeleien ansiedelten. Sie lieferten ihre Erzeugnisse bis nach Leipzig, wo im Zuge der Industrialisierung ganze Komplexe aus Backstein gebaut wurden, etwa die Baumwollspinnerei in Plagwitz. Auch in den Dörfern und Städten des Vogtlandes bestehen viele Häuser aus Ziegel – anders als etwa im Erzgebirge.


Es sind stattliche, rote Backstein-Wohnbauten aus der Zeit um 1900 – Zeichen für Wohlstand und Wirtschaftskraft. Als Mitte des 19. Jahrhunderts für die Eisenbahnstrecke Leipzig-Nürnberg eine Brücke über den Fluss Göltzsch geplant wurde, war das Baumaterial also im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend und die Infrastruktur vorhanden. Knapp 20 Ziegeleien produzierten bis zu 50.000 Steine – pro Tag. Die 574 Meter lange und 78 Meter hohe Brücke besteht aus insgesamt 26 Millionen roten Ziegeln. Lediglich für die Sockel und besonders beanspruchte Partien verwendete man Granit. Die Eisenbahnbrücke ist eines dieser Bauwerke, in deren Schatten man nicht anders kann, als sich klein fühlen. Der monumentale Maßstab und die schiere Masse der Bögen und Stützen sind überwältigend.
Auch Sebastian Thaut ist immer wieder beeindruckt: „Da verspürt man Ehrfurcht.“ Ein anderes Lieblings-Ziegelgebäude des Architekten steht in Leipzig, nicht weit entfernt vom Gelände der Baumwollspinnerei: die Konsumzentrale von Fritz Höger. Der Komplex aus Büro- und Geschäftsgebäuden wurde zwischen 1929 und 1932 aus dunkelrotem Ziegel errichtet. Ein Meisterwerk der Moderne von einem ausgewiesenen Backsteinspezialisten: Höger entwarf unter anderem auch das berühmte Chilehaus in Hamburg und das Anzeigerhochhaus in Hannover.


Ob Ziegel, Porphyr oder Fichtenholz: Bis heute sind sächsische Regionen und Orte von traditionellen, regional vorkommenden Baumaterialien geprägt. Und sie haben keineswegs nur historische Bedeutung: „Wer sich als Architekt auf diese lokalen Besonderheiten besinnt, kann daraus eine eigene Handschrift entwickeln“, erklärt Sebastian Thaut die Relevanz der Materialien für die heutige Architektur. „Die Kunst ist es, lokale Identität zu bewahren und gleichzeitig globale Einflüsse einzubeziehen.“
Sachsens Elemente



Dieser Text ist zuerst in der gedruckten Ausgabe von 30 Grad im Herbst 2026 erschienen. Das Heft ist hier kostenfrei zu abonnieren.